Vorwurf

Ein traummäßig fantastisch aufgebrezeltes Berlin. F., den ich eigentlich treffen wollte, hatte noch etwas zu erledigen. Ich war daran gewöhnt und erfreute mich am Spaziergang durch die Straßen, in denen sich Straßenbahnen und viele Menschen bewegten und an deren Rändern große, sehr verschnörkelte Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert standen. Nach einem langen Weg auf einer geraden Straße änderte sich das Bild: ein großer, schon teilweise entkernter Betonbau auf der rechten Straßenseite. Durch eine Lücke im Bauzaun ging ich hinein. Ich fand eine im ersten Stock sich über die volle Länge des Gebäudes hinstreckende Kantine, die trotz Scheibenfront zur Straße neonbeleuchtet war. Ich liebte es! Resopalbeschichtete Tische auf hell-hölzernen Beinen und das angenehme Geräusch von über hundert sich in kleinen Gruppen beim Essen unterhaltenden Menschen. Erfüllt von dem warmen Gefühl, zuhause zu sein, ging ich längs durch die Kantine. Ich musste an F. denken, dem die proletarische Pose vergangen war und der heute in kleinen dunklen Imbissen oder in Restaurants mit Kerzenschein und Wein aß. Vielleicht wegen seiner Freundin. Am Ende der Kantine ein Treppenhaus, ich ging ins Erdgeschoss, welches diesen Namen verdiente (redlich?), denn der Boden bestand aus gestampfter Erde zwischen unverputzten Betonwänden und türlosen Türöffnungen. In einem kleinen Raum, der aber die Anmutung einer Halle hatte, saßen Menschen auf Stühlen vor einer Leinwand, auf die ein Film projiziert wurde. Sie sahen andächtig aus; die Stühle waren aus Stahlrohr mit Sperrholzauflage. Ich ging hinaus auf die Straße, beibehaltend meine Richtung. Eine Kreuzung schien zu kommen. Rechts offensichtlich ein Eckhaus, links eine Art Park. Geradeaus: nichts. Nichts! Einige Schritte vor, und das Straßenpflaster wurde von felsigem Untergrund abgelöst. Noch einige Schritte und ich sah: der Felsen fiel erst mäßig, dann immer stärker ab, war stark strukturiert, sodass es viele Nischen und kleine Flächen gab, in und auf denen Menschen saßen, Zeitung lesend, Brot essend oder einfach aufs Meer sehend. Ich war begeistert, konnte F. aber einen Vorwurf nicht ersparen: Warum hast du mir nie gesagt, dass Berlin am Meer liegt? (2010)