Traum von Ungarn

Ein freundlicher, doch gequält wirkender Mann sprach mich an auf dem Weg zum Dammtor. Ich müsse eine Rede auf Ungarn halten, der ungarische Ministerpräsident warte schon. Ich ging mit ihm. Während des Gehens versuchten wir beide, meine metallene Aktentasche zu putzen und wieder in Form zu biegen. Geformt wie eine klassische Aktentasche der dreißiger Jahre, war es etwas schwierig, die Lasche zu schließen; Metall eben. Ich wußte nichts über Ungarn und nahm mir vor, meine Bilder, Metaphern, Sprüche, Vorurteile etc. zum Ausgang meiner Rede zu nehmen. Dass ich sie halten musste, war klar. Kurz vorm Dammtor wurde die Gegend unklar, durch eine Diagonalverbindung zwischen zwei Hauptstraßen waren wir am Hallerplatz angelangt, was einen Rückschritt bedeutete. Das Problem wurde übersprungen und ich stand am Rednerpult.
"Liebe Gäste, lieber Herr Ministerpräsident, ich weiß nichts Wirkliches über Ungarn, deshalb werde ich wie folgt berichten. Stellen Sie sich einen Billardtisch vor. Ich schieße eine Kugel über die Bande auf eine zweite Kugel. Was die zweite Kugel über die Bande erfährt, ist das, was ich über Ungarn erfuhr. Es ist eine Mischung aus Ungarn, der Bande, aus dem Blick mir unbekannter Menschen, seien sie einzeln oder in Klassen oder Nationen oder Gesellschaften zusammengefasst, und dem Eindruck, den diese, nachdem sie von Ungarn reflektiert wurden, auf mich, die letzte Kugel, gemacht haben.
Als ich Kind war, war meine Familie damit beschäftigt, sich im kleinen Bürgertum einzurichten nachdem sie das proletarische Dasein hinter sich gelassen hatte. In Ungarn, wusste ich, gab es eine Frau in einer Art Dirndlkleid, welche zu irgendjemandem sagte, du kannst mir ruhig Piri sagen; natürlich mit einem Puszta-Paprika-R. Ich wusste, dass es einen Baron gab, der Schweine züchtete in Ungarn - oder war das noch Österreich-Ungarn? Ungarn war manchmal Österreich und Österreich manchmal Ungarn und es sollte eine Monarchie sein. Das war mir unvorstellbar. Wieso sollten Bauern einen König haben? Ein König war etwas Edles, vorzuziehenderweise Blondes, aber kein Bauer, dessen Schweine sich im Schlamm wälzten und der seine Schweine in Paprika wälzt damit sie zu Gulasch werden. Und ständig wurde nebenbei Geige gespielt, aufdringlich, schmutzig, plump. - Ich bin nur die zweite Billardkugel. Ich spreche nicht über Ungarn, sondern über in mir evozierte splitterige Bilder von Ungarn und so spreche ich also über Deutschland. Etzel der Hunnenkönig war ein Ungar, lange bevor es Ungarn gab. Deshalb konnte er auch König sein, allerdings nur ein fieser. Faszinierend fand ich den Begriff finnisch-ugrisch. Wo waren das n und das a in ugrisch geblieben? Warum fehlten dann nicht ein i und ein n in finnisch und machen es finsch oder fnisch? Fnisch-ugrisch, das hat doch was. Die Finnen leben im Schnee und haben Rentiere, die Ungarn im Schlamm und haben Schweine (falls sie nicht Österreicher sind und Gras mähen und Heu in ihre Scheunen stopfen. Dass es auch eine Stadt in Österreich gab, wurde mir so recht klar erst durch den dritten Mann). Irgendein Kinderbuch wollte mir weismachen, dass es in der Puszta eine Art Cowboys gibt. Fiel ab gegen den großen deutschen Cowboy Old Shatterhand. Viel später gab es den Gulaschkommunismus, dem ich als protestantischer Kommunist misstraute. Später las ich die Geschichte eines Bleistifts von Tersaszky und Der Komplize von Györgi Konrád. Nun muss ich sagen, dass ich ein ziemlich dämlicher Junge war. Ich kann mich auch nicht damit entschuldigen, dass ich ein deutscher Junge war, denn das wäre eher eine Anschuldigung. Ich war nie in Ungarn, werde nie freiwillig hingehen, weil ich die Sprache nicht kann, aber ich mag Attila Zoller und Gabor Szabo. Ihre Namen klingen ungarisch. Ob sie jemals Ungarn waren, weiß ich nicht. Und wenn ich das wüsste, bliebe die Tatsache, dass ich nicht weiss, was ein Ungar ist. Ich danke für Ihre Geduld."
Die Leute klatschten ein bisschen und tranken Rotwein. Der Ministerpräsident hatte meine metallene Aktentasche und ich grübelte, ob überhaupt jemand Deutsch verstünde. Dann fiel mir noch auf, dass alle Leute Pferdeleder-Schuhe mit dekorativen Löchern im Oberleder hatten. (2010)