Arztroman

Papan gewidmet

"Oh, Herr Professor", sagte sie mit tränenerstickter Stimme zu ihrem Doktorvater. Er hatte ihr von seinem schmalen Gehalt alle Mäuse abgezweigt, die er noch im Portemonnaie hatte. Bevor sie das Missverständnis aufklären konnte, folgte er einem Ruf in die Wüste. Oberarzt Dr. Dieter von der hiesigen Brandwunden-Spezialklinik erregte ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht war es auch nur seine fesche Uniform. Egal, die wichtige Frage war, wie konnte sie ihm unauffällig näher kommen? Sie träufelte sich einige Tropfen Benzin auf das Knie, kurze Röcke trug sie ohnehin nicht. Als sie aus dem Koma erwachte, sah sie in das gütige Gesicht eines plastischen Chirurgen, der aus ihrem Kniegelenk-Knorpel ihre neue Nase modellierte. Etwas war schiefgegangen. (2010)

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Ferien vom Ich

Selten ging er schneller als vierzig Schritt pro Minute. In der Minute, in der er auf Caporciao landete, fiel der Alltag von ihm ab. Für das Wegschaffen desselben bekam er später eine Rechnung von der Fluglinie, welche diese Arbeit in einem Protokoll als rechte Schmutzarbeit beschrieb, die die nachträglich geforderte Zahlung mehr als rechtfertige. Im Zuge einer außergerichtlichen Einigung nahm er den Alltag in leicht lädierter Form zurück und bekam zur allgemeinen Erbauung noch genug "miles" geschenkt, den Urlaub für ein Drittel des eigentlichen Preises wiederholen zu können. Die "miles" seien aber nicht übertragbar.

Kräftig biss er in den traditionellen Willkommensgruß, eine Wassermelone. Die an sich schwere Frucht wurde ihm zum Symbol der "Leichtigkeit des Seins"; er schaute auf die palmenbesetzte Chaussee, welche vom Flughafen in die wunderschöne Altstadt führte und dachte an die Sagosuppe seiner Kindheit, die mal mit Kirschen, mal mit Äpfeln, mal mit Bickbeeren, mal mit Holunderbeeren zubereitet wurde. Wäre er ein Einheimischer, so dachte er, hätten seine Gedanken den Adel des Exotischen; so war es nur die "kalte Heimat", die sich meldete. Er stieg in eine bereit gehaltene Fahrrad-Rikscha, welche zur Erleichterung des Fahrers von einem Maultier gezogen wurde. Der Kunde konnte allerdings nicht umhin festzustellen, dass die Fahrradkette gerissen und notdürftig um die Gabelzinke des einen Hinterrades gewickelt war, was aber keinen die Reisekosten mindernden Mangel erzeugte. Überhaupt machte er sich über die Reisekosten keine Gedanken. Das war doch das Schöne an den Pauschalreisen: das Geldausgeben lag hinter einem und jetzt galt es nur noch zu genießen! Er genoss also die sehr langsame Fahrt in die wunderschöne Altstadt, wobei er wie nebenbei in dem Maultier einen Kameraden erkannte, der auch nicht schneller als vierzig Schritt pro Minute ging. Wäre er nicht durch den Gesang einer Volksweise, die der Fahrer mit sympathisch rauchiger Stimme vortrug, in Ferienlaune versetzt worden, hätte er wohl noch kurz die alte Heimatweise "Ich hatt einen Kameraden" hinter die Stirn geschrieben. Er selbst war inzwischen Vollwaise, aber nur ein Rapprapprapper wäre auf die Idee gekommen, ihn als voll weise zu bezeichnen.

Nachdem der Fahrer den Refrain zum dritten Mal wiederholt hatte, beugte der Feriengast sich vor und sagte, ich heiße Heinzi; er sprach Landessprache in einer Intonation für die der schriftlichen Wiedergabe die Zeichen fehlen. Der Kutscher, den als solchen anzusprechen, das Maultier berechtigt, auch wenn er sich selbst eher als Fahrer verstand, war ohnehin ein Emigrant oder Immigrant, je nach Standpunkt und erwiderte, Heinsi, ahh, Heinsi, während er mit der linken Hand, da er in der rechten eine neunschwänzige Katze aus Nilpferdleder hielt, eine Geste des Anstoßens ausführte. Das Maultier wieherte verhalten.

Danach gab es eine bunte Folge von Siestas und Fiestas, sodass er von der Schläfrigkeit in die Glückseligkeit und zurück taumelte. Sein Ich hat er nicht wiedergesehen. (2012)

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Nase

ein Freizeitroman

Meine Mutter Sophia, die Tochter eines Fischhändlers zu einer Zeit, als Fisch mehr als Geld stank, jedenfalls in den Nasen gewisser Zeitgenossen, hatte Höheres vor, als sie von mir entbunden wurde. Das Krankenhauspersonal, welches meiner zuerst ansichtig wurde, rief unisono O Gott, hoffentlich ein Junge, denn ich war eine Kopfgeburt und das hervorstechendste Merkmal meines Kopfes war eine Nase, mit der ein durchschnittliches Mädel nicht mal einen Blinden zum Mann bekommen hätte. Ich war dann erleichternder Weise ein Junge. Erleichtert war auch meine Mutter, wohingegen mein Vater, nachdem er mich gesehen hatte, nur die Nase wahrnahm & in Grübeln verfiel, was er mit mir oder ich mit ihm wohl eines Tages anfangen könnte. Auch über der Rätselseite pflegte er lange zu grübeln, um nach längerem Leerstand seine Kunden - er war Friseur - zu befragen. Die alten Illustrierten wurden umgetauscht wöchentlich gegen halb so alte, und bis dahin mussten alle Rätsel gelöst sein. Einmal weht der Südwind wieder, singt es aus dem Radio. Caterina Valente und Silvio Francesco sind es. Da mein Vater die Illustriertenrätsel nicht ausfüllen durfte und sich deshalb alles merken musste, hatte er ein in Teilen ähnliches Gedächtnis wie ein Schachspieler entwickelt, dessen Erinnerungen das Brett, dessen mündliche oder briefliche Kommandos die materiellen Spielzüge ersetzten. Ein Teil von dem Teil habe ich geerbt - ob auf Darwins oder Mendels Art. Mein Opa, welcher der Vater meiner Mutter war und leider ein Freizeitnazi als die Zeit danach war, begrüßte meine Ankunft. Entweder ich werde ein ganz kleiner oder ein ganz großer Fisch. Er hatte eine Nase von ähnlichen Ausmaßen, trank viel Eierlikör, verprügelte meine Oma eher selten und spielte anderen Weibern den Fischmarkt-Gentleman. Mein Lebensweg wäre ihm unvorstellbar gewesen. Da er rechtzeitig starb, machte er aber keinen Ärger, sondern hinterließ eine relativ positive Erinnerung. (2015)

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Gefreit, nicht gereut

drei Varianten, wiederum Papan gewidmet

Die Adels-Lovestory

Der alte Graf sinnierte, "Ja, ja das fesche Riterl. Der Hirt hat's ihr angetan. Die Seuch' grassierte und der Hirt ging vieler Schaf' verlustig. Ich hab zum Riterl gesagt, wenn's den Hirt hab'n willst, mußt dir an Schaffell überzieh'n. Dem Hirt hat's erst die Sprach'n verschlag'n, aber wo er sich erholt hat, hat er's Riterl heimg'führt. Und sie ham's nimmer bereut. Schön warm ist's ja in dem Fell. Aber die Hörner, die hätt' sie scho' abneh'm können, heut." Er hob das Cognacglas.


Die schwarze Serie

Hirt schlug den Trenchcoatkragen hoch.

"Morgen um zehn in der Pfandleihe", ließ er sie aus dem Mundwinkel wissen, während er die Männer an Tisch sieben im Auge behielt. Er wußte, sie würde kommen.

Mit einer melancholischen Geste warf er dem Pfandleiher sein letztes Humphrey-Bogart-Video zu.

"Man hört, du willst häuslich werden", sagte der Pfandleiher wortlos zu Hirt. Der erwiderte, während er sich eine Ernte 23 aus der zerknautschten Packung fischte, "ein Mann muss wissen, wann ein Mann aufhören muss."

Rita reichte die Gläser mit Eis. Whiskey würden sie jetzt nicht mehr trinken.


Der Arztroman

Schwester Rita war wieder mal mit den Nerven am Ende. "Opa Rudi hat mich wieder begrapscht. Ich halt das nicht mehr aus." Heilpfleger Rüdiger sah seine Chance gekommen: "Ich mach das klar."

Und wirklich, unbehelligt konnte sie in den nächsten Tagen ihre Arbeit fortsetzen. Zu gern wollte sie wissen, wie Rüdiger das geschafft hatte. Rüdiger war bereit, das Geheimnis zu verraten - aber nur, wenn sie ihm zuvor ihre Hand versprach. Nur zu gern ging sie darauf ein.

(2015)