ZEIT-Fragen I

Neulich hat mich DIE ZEIT auf ihre Website gelotst, indem sie mir für die Beantwortung unten stehender Fragen eine Uhr versprach. Da meine Uhr kaputt gegangen war, war ich erfreut über die Gelegenheit. Auf die Fragen konnte man nur durch Anklicken von 3 bzw. 4 vor-geschriebenen Antworten reagieren, womit man ja schon mal andeutet, dass dem gewöhnlichen DIE-ZEIT-Leser, diesem intellektuellen Gourmet, eher das Auswählen fremder (wenngleich nicht ihm fremder) Gedanken als das Produzieren eigener zugetraut wird. Wie ich geantwortet hätte, wenn es möglich gewesen wäre, Worte zu benutzten, steht unten. (Die Uhr gab’s denn doch nur für den Kauf mehrerer Exemplare der Zeitung, weshalb es nicht schade drum war).

Nimmt in unserer Gesellschaft das Bedürfnis nach einem tieferen Sinn im Leben zu?
1.) Ja, das beobachte ich auch.
2.) Nein, die Frage nach dem Sinn beschäftigt die Menschen heute nicht stärker als früher.
3.) Nein, im Gegenteil: Unsere Gesellschaft wird immer oberflächlicher.


Nun, wenn unsere Gesellschaft immer oberflächlicher würde, dann nähme natürlich auch das Bedürfnis nach einem tieferen Sinn zu. Wie Sie sicherlich wissen, ist "die Gesellschaft" kein monolithisch Ding sondern - aber das wissen Sie ja selbst. Die Aussage von Antwort 3 wäre also nicht das Gegenteil eines Bedürfnisses nach tieferem Sinn sondern seine Voraussetzung. Dass der Sinn des Lebens das Leben ist, welche Erkenntnis man einmal in Folge der Aufklärung als allgemeine erhofft hat, wird Ihnen wohl eher als oberflächliche Phrase denn als tiefe dialektische Einsicht erscheinen. So ist es, wenn Dialektik Ihnen nur ein Wort, nämlich ein Reizwort ist und deshalb mitsamt den Gesellschaftssystemen, die dieses Wort viel benutzt und wenig begriffen haben, im Abfalleimer gelandet ist.

Welche Rolle spielen Werte wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft?
1.) Diese Werte prägen uns immer noch - heute nicht weniger als früher.
2.) Diese Werte haben an Bedeutung verloren.
3.) Das kann ich nicht beurteilen.


Die vorgegebenen Antworten hätte man von der Bildzeitung erwarten können. Ihnen muss natürlich klar sein, dass die o. a. Werte erstens sekundär und zweitens ideologische Kampfbegriffe sind. Sekundär, weil, wenn’s der Wirtschaft dient, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sich verdünnisieren, ideologische Kampfbegriffe, weil sie die Verbrechen der Staaten zu Taten der Menschlichkeit und Gerechtigkeit ummünzen und auch so (neben dem Geld natürlich) Leute motivieren, diese Verbrechen auszuführen.

Wie stark beeinflusst Religion Ihr alltägliches Leben?
1.) Sehr stark: Der Glaube ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.
2.) Eher weniger: Ich nehme nur sporadisch, z. B. an Feiertagen, am religiösen Leben teil.
3.) Religion spielt in meinem Leben keine Rolle.


Ich wünschte, ich könnte Antwort 3 nehmen, weil ich nicht für 5 Pfennig religiös bin. Leider spielt die Gesellschaft da nicht so recht mit. So stoße ich in nahezu jeder Zeitung auf Berichte über innerkirchliche Scharmützel; kein neuer Kirchenchef, keine neue Kirchenchefin wird mir vorenthalten; über sogenannte Kirchentage wird berichtet, als handele es sich um Veranstaltungen, auf denen wenigstens mit einem Minimum an Rationalität gehandelt wird; mit einem Wort: die Journaille, die die Privatsachen der Bürger, zu denen der Glaube bekanntlich gehört, unentwegt an die Öffentlichkeit zerrt, ist schlimmer als die Summe der privaten Veröffentlichungen auf zum Beispiel Facebook.

Wie finden Sie es, dass DIE ZEIT das neue Ressort »Glauben & Zweifeln« eingeführt hat?
1.) Ich begrüße das sehr und kann mir vorstellen, häufiger im neuen Ressort zu lesen.
2.) Mich interessieren andere Themen in der ZEIT mehr.
3.) Ich möchte das neue Ressort zunächst genauer kennen lernen, bevor ich mir ein Urteil bilde.


Wie ich das finde? Schlecht. Aber das darf ich ja nicht antworten. Ich darf höchstens antworten, dass mich andere Themen in der Zeit mehr interessieren, oder dass ich das Ressort zunächst genauer kennenlernen möchte. Haben Sie Angst vor einer klaren Antwort oder halten Sie Ihre Leser und Möchtegern-Leser zu einer solchen nicht fähig?

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie häufig lesen Sie momentan DIE ZEIT?
1.) Bislang eher selten bis gar nicht.
2.) Manchmal.
3.) Wöchentlich.
4.) Im Abonnement.


Woraus zu schließen ist, dass die anderen Fragen nicht persönlich waren, es sei denn, man betont das "noch"; aber da hier geschrieben und nicht gesprochen wird, können wir wohl von einer Betonung des "persönliche" ausgehen. Ich habe mein Zeit-Abonnement vor vielen Jahren mit Gründen, die ich Ihnen übermittelt habe, gekündigt. Eine gerecht und menschlich geführte Adressenkartei hätte darüber Auskunft geben können, und also auch darüber, dass Ihr geplantes neues Ressort mich nur bestätigt hätte im Ignorieren Ihrer Zeitung. Aber ihre Kartei reiht sich würdig ein in die Menge ähnlicher Karteien, die nur zu einem Ziel benutzt werden: die Karteileichen zu nötigen, bis sie ins Gewerbeleben zurückkehren. Das ist allerdings, wie ich Ihnen als alter Glaubenszweifler mitgeben möchte, keine Wiederauferstehung, sondern die Erweckung von Zombies. (Juni 2010)
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Schland am Sonntag

Zu elitär, um Leute zu lesen, die als Buchautoren bezeichnet werden, muss ich meine Kenntnisse über Sarrazin der zweiten Hand entnehmen. Heute (12.9.2010) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, (Artikel "Was schreibt Sarrazin? Eine Handreichung in Thesen", Seite 5 unter dem Thema Politik) wird Sarrazin zitiert:

>>...unsere Nachfahren in 50 oder 100 Jahren sollen "noch in einem Deutschland leben, in dem die Verkehrssprache Deutsch ist und die Menschen sich als Deutsche fühlen."... "die menschliche Intelligenz ist zu 50 bis 80 % erblich."... Die Deutschen müssen ... "ziemlich rasch und recht radikal ihr Geburtsverhalten ändern, und das heißt, dass die Unterschicht weniger Kinder bekommt und die Mittel- und Oberschicht deutlich mehr als bisher."<<

Passend dazu in dem Artikel "Die Patenkinder der SS" (Seite 16, unter dem Thema Zur Zeit, über eine Frau, die ihre Vergangenheit, in einem Lebensborn-Heim der Nazis geboren zu sein, versucht zu reflektieren) Himmler:

"Heinrich Himmler wollte mit dem 1935 gegründeten Lebensborn-Verein verhindern, dass die "nordische" Rasse ausstarb."

Angesichts der aktuellen Annahme, dass die FAS-Macher so doof nicht sein können, dass sie nicht mit einer Art diebischer Freude zwei so unterschiedliche Personen über die Zukunft der Deutschen (deren eine ja bereits in der Vergangenheit liegt) sich äußern lassen und in Kenntnis der geschichtlichen Tatsache, dass "die Deutschen" den Nazis als die nordische Rasse schlechthin galten, vergleiche ich beider Aussagen und kann den Unterschied nur in der Methode feststellen, ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Um kurz einzugehen auf die Freiheit der eigenen Entscheidung, des eigenen "Lebensentwurfes", den man dann sein Leben lang "abarbeitet" und sich wundert, dass auch das dickste Geld nicht die Langeweile vertreiben kann, wie würde Herr Sarrazin wohl auf einen Autor, Verzeihung einen Buchautor, reagieren, der ihm vor hundert Jahren vor-geschrieben hätte, welcher Nation, Verzeihung, welchem Volk Herr Sarrazin sich heute zugehörig fühlen solle und was seine Verkehrssprache zu sein habe?

Da Herr Sarrazin Mitglied der SPD ist, muss sich natürlich auch Frau Nahles, Generalsekretärin, äußern ("Wulf regiert in die Bundesbank" Seite 1):

"Das Buch von Thilo Sarrazin ist ein Buch von oben, das sich gegen die Leute von unten richtet."

Irgendwie auch schön, wenn sich zwei Buchautoren beharken. Sarrazin hat den Blick eines Snobs, der seine Gelassenheit angesichts einer unsicheren Zukunft zu verlieren beginnt. Noch ist er oben, aber leider nicht auf der Höhe, weder seiner Sprache noch einer Kenntnis biologischer und gesellschaftlicher Wissenschaften. Wenn so die Oberschicht aussähe, die sich selbst bisher noch verschämt, nun immer unverschämter als Elite bezeichnet, könnte "Deutschland" nichts besseres passieren als ihr Abgang. Bitte, ein ausgewachsener, angeblich gebildeter Mann, der den Unterschied von Staatsnation und Volk ignoriert, der die Begriffe Intelligenz, Erblichkeit und Prozent in ihrem Zusammenhang noch nicht einmal problematisieren, geschweige denn analysieren oder gar begreifen kann, schreibt darüber in einem Buch, welches sich gegen die Dummen, nicht etwa gegen die Dummheit wendet! Ins Knie geschossen!

Noch eine gute Nachricht: habe auf dem Flohmarkt ein Buch von E. A. Rauter gefunden, kein Buchautor, auch wenn das Buch "Mallorca, das Land hinter der Bühne" heißt. Es gab ja mal diesen albernen Spruch, Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts. Ein Autor ist jemand, für den Sprache alles ist und ohne Sprache nichts ist. Einer von denen ist E. A. Rauter, deshalb logischerweise nur noch antiquarisch zu finden. Wenn Sie ihn finden, kaufen Sie. (September 2010)
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ZEIT-Fragen II

Wieder einmal belästigt mich DIE ZEIT mit seltsamen Fragen und möchte sich für die Antworten mit 4 Gratis-und-frei-Haus-Ausgaben bedanken. (siehe ZEIT-Fragen I). Verzeihung, mich überkommt zwanghaft die Lust zu kalauern. Oder ka zu lauern.

Seit die Bundesregierung im Amt ist, hat sich die Konjunktur in Deutschland deutlich erholt. Was denken Sie: Welchen Anteil hat die Regierung daran?
1.) Einen wesentlichen Anteil
2.) Einen mittelgroßen Anteil
3.) Einen geringen Anteil


Schön, dass die Konjunktur sich erholt hat. Ist sie braun geworden?

Die Bundesregierung hält an einem Engagement in Afghanistan fest. Sind Sie damit einverstanden?
1.) Ja
2.) Nein
3.) ich bin unentschieden


Das kommt auf die Gage für das Engagement an. Und wieviel ich davon abkriege.

Roland Koch, Horst Köhler, Ole von Beust - schwächen die Rücktritte dieser mächtigen CDU-Politiker die Bundesregierung?
1.) Ja
2.) Nein
3.) Ich bin unentschieden


Wie immer, wenn Mächtige abtreten, aufatmet das Land. Es sei denn, es hieße Schland.

Welche der drei Regierungsparteien hat Ihrer Meinung nach die beste Leistung erbracht?
1.) CDU
2.) CSU
3.) FDP
4.) Alle gleich
5.) Kann ich nicht beurteilen


Haben Sie schon die Bilanzen der Parteien veröffentlicht? Oder darf sich Leistung nicht mehr lohnen?

Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit der Bundesregierung?
1.) Gut
2.) Durchschnittlich
3.) Schlecht
4.) Kann ich nicht beurteilen


Würde mal sagen im Durchschnitt gar nicht mal so gut. Kann ich aber schlecht beurteilen.

Zum Schluss würden wir gerne Ihre Meinung zur politischen Berichterstattung der ZEIT erfahren.
Die Redakteure der Zeit haben unterschiedliche politische Ansichten. Wie finden Sie das?
1.) Gut, denn ich möchte verschiedene Sichtweisen kennenlernen, bevor ich mir selbst eine Meinung bilde.
2.) Nicht so gut, ich hätte lieber eine einheitliche politische Ausrichtung der Redakteure


Ich finde es ganz wahnsinnig, dass Ihre Redakteure all diese unterschiedlichen Ansichten von, sagen wir, Herrn Clement über Herrn Sarrazin bis hin zum Linksausreißer Herrn Dohnanyi in Ihrem bandbreiten Angebot präsentieren. Und erst recht begeistern mich all die unterschiedlichen Ansichten des Herrn Editors-at-large, welche Bezeichnung wohl zu bedeuten hat, dass er sich nur ums große Ganze, das Klima also, zu kümmern hat; König der Wechselwinde wäre ja auch ein etwas undemokratischer Titel. Falls er überhaupt noch dabei ist. Als ZEIT-Ignorant ist man nicht so auf dem Laufenden. Oder laufenden. Am liebsten sind mir unter den unterschiedlichen Meinungen diejenigen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zur Not begnügte ich mich auch mit den alternativlosen. Und dann hätte ich gerne einen überzeugenden Farbführer. So sollten die Meinungen von links bis rechts in einem Farbverlauf (die Grafikabteilung hilft notfalls bei der Begriffsklärung) gedruckt werden, in dem die linkesten bei rot anfangen und die rechtesten bei schwarz aufhören. Das gäbe in der Mitte braun. Helmut Schmidt, bekanntlich der Mann mit der weißesten Weste in der Politik, sollte deshalb in der Sonderfarbe Weiss gedruckt werden. So bräuchte man sich nicht mühsamst durch nicht enden wollende Schwadronierereien und Wiederkäuereien zu kämpfen, sondern sähe auf einen Blick, was heute in der Zeitung steht. Und könnte sich deshalb viel eher mit dem eigentlichen Zweck Ihres Blattes beschäftigen: den Anzeigen. (September 2010)
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Kultur Fußball

Wer kämpft will siegen; wer spielt, will eine Formalität erledigen: nach den Regeln sich bewegen. Wenn Fußball mehr ist als ein Spiel, wird es aufregender und verschattet zugleich: der Sieg wird wichtiger als das Spiel, insbesondere der Sieg über sogenannte Rivalen. Diese Schattenseite finden wir auch bei einem Verein, der verschiedener Missverständnisse wegen ein hohes Ansehen bei Leuten genießt, die bis dahin auch recht gut ohne Fußball auskamen. Der Torhüter, Pliquett, belegt seine Kontrahenten mit dem übelsten möglichen Schimpfwort "Opfer". Er verhöhnt durch Gesten einen herausgesuchten Spieler der anderen Mannschaft nach einem "Derby", also einem Spiel, in dem es ohnehin weniger um Fußball geht. Hat er ein Monatsgehalt Strafe zahlen müssen dafür? Ein anderer Spieler desselben Vereins nimmt eine rote Karte für den Gegner als "Geschenk" an. Das ist unsportlich (= das Übelste, was ich über einen Spieler in Ausübung seiner Tätigkeit sagen kann). Ehre, Fairness, Sportlichkeit, Rufschädigung des eigenen Vereins sind Begriffe, die mir hier zu Kopf steigen, wenn nicht sogar übel aufstoßen.

Fußball ist eine Schnittstelle zwischen männlicher, inzwischen auch weiblicher Aggression einerseits und Zivilisation andererseits. Das Fußballspiel ist eine der unzähligen gesellschaftlich entstandenen Methoden der Menschheit, sich in den Griff zu bekommen. Allein, weil es ein Spiel ist, ist es schon auf dem Feld der Kunst gelandet. Deshalb ist es dann am besten, wenn man die Kunst auf dem Feld erkennt; wenn man weiß, dass nicht der Schiedsrichter, sondern die Spieler für die Einhaltung der Regeln verantwortlich sind. Das hat annähernd funktioniert, als der Sport noch ein Mittel reicher Müßiggänger war, sich die Zeit zu vertreiben. Inzwischen ist der Sport nicht nur im Volk, sondern auch im Kapitalismus angekommen. Er hat Zuschauer, die bezahlen und Akteure, die bezahlt werden. Damit verschwindet tendenziell die Freude am zur Arbeit gewordenen Sport und damit auch die Bereitschaft, sich nach Regeln zu bewegen. Der Sieg zählt, und was der Schiedsrichter nicht sieht, löst keine Gewissensnöte aus beim foulenden Spieler. Fairness ist eine Antiquität geworden. (März 2011)
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Glaube-Hoffnung-Liebe

Ob das dicke Volk, dem anzugehören das Einzige ist, an dem ich vollständig schuldlos bin, oder die schlanke Presse sich von ihrer jeweils schlechtesten Seite zeigen, oder ob beide einfach nur gut einander zuarbeiten, möchte ich nicht beurteilen. Wie sich beide nach der Dame Käßmann (Glaube) und dem Herrn Guttenberg (Hoffnung) gezeigt haben, war schlimm genug. Richtig übel geht man aber - es ist ja nichts Neues - mit seinen Anderen, in diesem Fall Behinderten, um. Frau Lierhaus’ Gehalt soll herhalten als Begründung für Los-Abbestellungen. Habe ich irgendwo, irgendwann schon einmal gesehen oder gehört, dass sich irgendjemand über das Gehalt eines ihrer Vorgänger beschwert hätte? Nein. (Das Gehalt ihres aktuellen Vorgängers soll seriösen Quellen zufolge, soweit es solche in diesem Geschäft gibt, höher als ihr zukünftiges sein). Die Presse informiert, das Volk sabbert: hier erdreistet sich eine, die Mühe hat und sich diese Mühe gibt, klar zu sprechen, einen in der völkischen Beliebtheitsskala ganz oben stehenden Beruf ausüben zu wollen und dafür ein fettes, aber übliches Gehalt zu verlangen. Ja, den Glauben halten wir hoch, die Hoffnung lassen wir nicht sterben, aber die Liebe verlangt zu viel von uns, weswegen wir unsern alten Kaiser Karl-Theodor und sein Pendant Käßmann zurück und ansonsten unsere Ruhe haben wollen. (März 2011)
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Gebraucht

Gebrauchsgegenstände vor Gebrauchsspuren zu schützen: Häkel-Deckchen, Tischdecken, Schutzanstriche, Beklebungen mit Plastikfolie ... Ist das nicht in jeder Wohnung ein furchtbarer Anblick? Woher die Sucht, sogar die harmlose Geschichte der Wohnmöbel nicht wahrhaben zu wollen? Ich freue mich, wenn mein Tisch mit mir alt wird. Glasränder, Messerspuren, Brandspuren, Druckspuren. Ich habe gelebt, mein Tisch hat’s ausgebadet. - Es hat nichts zu tun mit Sauberkeit, aber mit Hygiene, einem Begriff, der mir immer auch pervers klingt. Ach, wie viel wäre schon gewonnen, hörten wir auf, uns selbst und einander die Dinge schönzureden. (März 2011)
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Schrift schreiben

In dem Jahr, in dem Schreibschrift zu lernen an den Hamburger Schulen nicht mehr Pflicht ist, wird woanders auf der Welt ein Roboter vorgestellt, der Schreibschrift, wie soll ich sagen, schreibt. Oder sollte ich sagen: der das Schreiben von Schreibschrift imitieren kann?

"... I could, and left to my own devices I probably would" (The Pet Shop Boys). Zivilisationsteilnehmer sollten zivil bleiben können, auch wenn mal der Strom ausfällt. Das einfache Rechnen wird bereits weitgehend an die Maschinen abgegeben; indem die Maschinen uns so ersetzen, beschränken wir unsere Fähigkeiten, statt sie zu erweitern. Wer nicht rechnen kann, lässt sich leichter über den Tisch ziehen. Wer keine Schreibschrift lernt, läuft Gefahr schlechter denken zu lernen. Warum? In und mit der Sprache lerne ich, einen Gedanken herzustellen und auszudrücken, welche beiden Tätigkeiten nur zusammen möglich sind. Man hat keinen Gedanken, wenn man ihn nicht ausdrücken kann, und keinen Ausdruck, wenn der Gedanke fehlt. Seitdem wir nicht nur sprechen, sondern auch schreiben, gelingt uns die Reflexion besser. Mit der Schrift haben wir einen Speicher gefunden, der aufbewahrt, was im Kopf so exakt nicht aufbewahrt werden kann und uns zurückblickend weiter denken lässt.

Wie sieht die Schrift aus, wie wird sie hergestellt und wer stellt sie her?

In der Handschrift formen wir jeden Buchstaben, negieren Formen durch Streichen oder Radieren und geben den einzelnen Elementen der Schrift bewusste und unbewusste Gewichte. Das Bild dieser Schrift sagt, noch ohne die Bedeutung der Wörter identifiziert zu haben, etwas über den Schreiber aus. Die Handschrift lässt tiefer blicken, vor allen Dingen den Schreiber selbst. Sein Text ist ihm eigener, um es mal zu über-steigern. In der Kunst gibt es Bilder, die aus handgeschriebenen Worten bestehen oder solche enthalten. Mit jeder handgeschriebenen Seite stellen wir nicht nur einen Text, sondern auch ein Bild her. Der Begriff Schönheit taucht in einer anderen Ecke auf als in der, in der die berüchtigte Schönschrift lauert. Die Hinweise ufern aus. Man las, dass Schönheit und Richtigkeit oder Wahrheit in Zusammenhang stehen; Eleganz in der Mathematik; Schönheit des Gedankens. – Nur, um anzudeuten, dass ein großes Feld der Erörterung liegt, vielleicht sogar brach.

Mit der Schreibmaschine formen wir nichts Graphisches mehr, sondern wählen durch mechanisches Tackern Buchstaben aus, die sich durch Leertasten zu Worten finden. Wir müssen (was oft ganz gut tut) den Satz in seinen Einzelheiten kennen, bevor wir ihn schreiben, spontane Veränderungen, um den zu formulierenden Gedanken deutlicher zu machen, sind schwieriger als in der Schreibschrift. Manchmal gab man sich mit einer schlechteren Variante zufrieden, weil sie nun mal getippt war.

Am Computer sieht man nur so aus wie an einer Schreibmaschine. Man kann einen "Text gestalten". Auch wenn man noch so viel hinzu fügt oder streicht oder durcheinander würfelt, der Text sieht immer aus, als käme er aus der Reinigung. Denn am Computer arbeite ich nicht allein. Mit mir arbeiten alle Programmierer, die an Rechtschreib-, Grammatik-, Stilprogrammen beteiligt waren. Der seltsame Druck, der manche Leserbriefschreiber Journalisten-Jargon stammeln lässt, liegt hier bereits in der Maschine - es sei denn, ich schalte diverse Programme ab und benutze den Computer als Schreibmaschine.

Man muss nicht lernen, Schönschrift zu schreiben; man muss lernen, flüssig zu schreiben. Da passt die kontinuierliche Bewegung der Schreibschrift. Druckschrift heißt so, weil sie einer Maschine angepasst wurde. Wer einen einzelnen Buchstaben schreibt, absetzt, wieder ansetzt für den nächsten, imitiert seine eigenen Fähigkeiten, als wäre er selbst die Maschine. Die stakkatohafte Ausdauer einer Maschine ist roh, unsere Bewegungen sind dagegen fein.

Erinnerungen an die Schulzeit: Schreibschrift schreibend bekam alles sein richtiges Tempo. Ich kann meine Kindheit nicht experimentell ins Heute übersetzen. Meine heutigen schreibschriftlichen Notizen, jederzeit und überall angefertigt, scheinen mir allen elektronisch festgehaltenen Äußerungen meiner Bekannten überlegen. Das führe ich auch auf den glücklichen Umstand zurück, dass ich in der Schule Schreibschrift lernte, in der die Dialektik von gedanklicher Form und formuliertem Gedanken am fruchtbarsten wird.

Die Schreibschrift, die sich zur individuellen Handschrift entwickelt, muss weiter gelehrt werden, weil sie unsere Fähigkeit ist und lebenslang erfolgreicher genutzt werden kann als jeder Ersatz. Hilfsmittel, die unsere Fähigkeiten verkümmern lassen, sind keine Hilfsmittel, sondern Ersatz. Wenn sich jemand ein Bein absägt, um eine Prothese zu tragen, wird dahinter mindestens eine psychische Krankheit vermutet. Wenn die Schreibschrift als Pflicht an Schulen abgeschafft wird, steht dahinter diese akut kranke Gesellschaft. (1. November 2011)
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Sprachvoll Gott - Vorschlag an Sprachwissenschaftler, auf das Studium der Religionen Einfluss zu nehmen

Wenn man unter Studium ein geistiges Eindringen in die Materie zum Zweck des Erkenntnisgewinns über den Gegenstand versteht, ist die bestehende Theologie kein Fach, in dem ein Studium möglich wäre. Das Theologiestudium heute ist im Normalfall die Verteidigung einer fixen Idee. In einem Zeitalter, in dem allen Überzeugungen die Zeugen ausgehen, diese fixe Idee zu retten, ist die Aufgabe der Theologie. Der jeweils Überzeugte ist aber am Ende angelangt und deshalb als Forscher nicht denkbar.

Die Theologie ist, wie die Religion selbst, auch Gegenstand der Forschung, normalerweise der Geschichtsforschung von der Archäologie bis zu den Gesellschaftswissenschaften. Unter den letzteren die Sprachwissenschaft könnte sich mit der Frage beschäftigen, wie Götter in unser Denken kommen. Enger gefasst, gibt es in der Struktur indoeuropäischer Sprachen - und damit auch in der Struktur des Denkens in diesen Sprachen - etwas, das die Denkfiguren des Gottes begünstigt?

Die Könige unserer Sprache, im Deutschen sogar durch Großschreibung herausgehoben, sind die Nomen oder Substantive. In ihnen wird fixiert und vollendet, wird das, was einmal Bewegung und Möglichkeit war, zum festen Ort der Überzeugung. Wann und wie entstanden Substantive? Sie kommen aus dem Handeln. Das Handeln bewegt, die abgeschlossene Handlung wird zum Schrein - und gewinnt, indem sie nominalisiert wird, den Status einer Person, einer Persönlichkeit, eines Gottes. Ein Mensch stirbt. Ein Mensch "geht tot". Ein Mensch ist tot. Er hat gelebt. Am Ende des Lebens steht der Tod. Vier gewöhnliche Aussagesätze und ein Satz, der die Mystik hervorbringt. In dem Moment, in dem ich "das Leben" und "der Tod" sage, gewinnen diese Begriffe eine Persönlichkeit; sie werden zunächst menschenähnlich und lassen sich dann göttlich-mystisch überhöhen. Ich will nicht hierin die Ursache der Religion sehen. Ich will nicht die in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit auftretenden verschiedenen Gründe für die Entstehung von Religion verneinen. Aber die Sprache (und damit das Denkvermögen) ist selbst Teil der gesellschaftlichen Entwicklung. Und vielleicht gibt es neben dem, was wir an Ursachen der Religion bisher herausgefunden zu haben meinen, noch näher und tiefer Liegendes. Vielleicht ist Sprache, die sich aufs Ganze gesehen gleichzeitig mit Religion entwickelt hat, infiziert mit der Religion. Vielleicht können wir aufklärend die Religion nicht überwinden, weil wir sie der Sprache nicht austreiben können.

Ein Bild aus den Naturwissenschaften: Zellen, Moleküle, physikalische Grundbestandteile haben Rezeptoren, Valenzen, "offene Stellen", an denen etwas anlegen kann. Sind die Substantive unserer Sprache als offene Stellen angelegt, an denen die Götter anlegen können? Ist auch das Abstraktionsvermögen eine Falle für die Götter? Der Baum als Abstraktion von konkreten Bäumen, als Sammelbegriff: ein Wort, das grammatisch-semantisch genauso benutzt wird, als wäre ein konkreter Baum gemeint. Damit wird die Möglichkeit eröffnet, den abstrakten Baum wie ein konkretes Ding zu sehen, das aber nicht so banal wie der konkrete Baum sein kann, und deshalb überhöht wird. Der "Baum an sich", eine Sprachfigur, wird Denkfigur aus der Not der Sprache heraus, die es nicht besser sagen kann. Wenn’s ganz schief geht, steht am Ende die Deutsche Eiche.

Diese flüchtigen Überlegungen gelten höchstens für Sprachen, die so etwas wie Substantive aufweisen. Wie ist es im Chinesischen zum Beispiel? Hat es etwas mit ihrer Sprache zu tun, dass es dort weniger Glauben und mehr Götter gibt? Man muss vorsichtig bei der Übersetzung sein; wir kommen ohne Nominative nicht aus, die Sprache, aus der wir übersetzen, aber möglicherweise. Und möglicherweise merken wir es nicht, weil wir nicht anders sprechen können, als wir es tun. (November 2011, korrigiert Dezember 2013)
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Gott vertellt - Erzählung und Religion

Vor den technischen Kommunikationsmitteln erfahren wir Geschichten über uns Fremdes nur durch einen Erzähler. Dieser macht uns mit der Geschichte vertraut, weil und wenn wir ihm vertrauen. Er kann sagen, was er will, wir wüssten nicht, ob es richtig ist, denn wir kennen nicht das Ereignis, sondern nur seine, des Erzählers, Geschichte. Hören wir eine Geschichte über das gleiche Ereignis von einem anderen Erzähler, leicht nuanciert, mögen wir zweifeln, aber eher am Ereignis als am Erzähler. Die Widersprüche beider Erzählungen führen nicht unbedingt zur Erleuchtung des Ereignisses. Sie verfestigen eher die Verbindung zum Erzähler und die Verbindung von Erzähltem und Erzähler. Ohne Erzähler gibt es keine Geschichte, das wissen wir. Das es ohne Ereignis keine Geschichte gibt, ahnen wir nur. Das ist der Prozess, in dem Gott geboren wird, der Erschaffer dessen, was uns fremd ist. Die Welt, die wir nicht kennen, die so viel größer ist, als die, die wir kennen, ist unabdingbar an den Erzähler gebunden. Sie existiert für uns nicht unabhängig vom Erzähler. Der Schluss von "viele Erzähler" auf "unabhängig von ihnen existierende Welt", die man aus ihren Erzählungen destillieren könnte, ist ein wagemutiger: wir müssten all die Erzählungen, mit und in denen wir uns so wohl gefühlt haben, kritisch betrachten. Und Kritik, wie wir wissen, ist eine relativ spät entwickelte Eigenschaft der Menschheit, und eine immer noch relativ spärlich ausgeübte. Denn hinter ihr steckt das Bewusstsein oder zumindest die Ahnung, dem Nichts begegnen zu können. Wir könnten die Kühe loben, weil sie unbelastet vom Bewusstsein ohne immerwährende Furcht leben können. Statt aus dem Geist der Kritik zu handeln, machen wir unsere Welt immer komplizierter (anstatt komplexer), immer irrationaler, immer mystischer, nur um alle Erzähler und alles Erzählte unterzubringen. (November 2011)
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Eiertreter

Irgendwie verständlich: ein deutscher Kopf, zum Siegen in die Ukraine und nach Polen gekommen, setzt halt mal den Stahlhelm auf. Hansi Flick hat sich versprochen? Nein. Er wollte bloß nicht gemeint haben, was er gesagt hat und hat deshalb genau das gesagt, was er gemeint hat. Während der deutsche Lahm sich die blonde Wuchtbrumme zurück in ihr Heim wünscht. Oder doch in seins? Dicke Eier und dünne Hirne haben ja viele Fußballer, aber fetter als die deutschen kann keiner treten.
(Zitat Hansi Flick auf der Pressekonferenz in Gdansk zu Beginn der Fußball-EM vor dem Spiel der deutschen Mannschaft gegen die portugiesische: "Da heißt es einfach Stahlhelme aufsetzen, großmachen ...") (Juni 2012)
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Günther Grass schrieb einen von ihm als Gedicht bezeichneten Text mit dem Titel "Was gesagt werden muss“. Darüber schrieb das Hamburger Abendblatt einen Artikel, in dem unter anderem behauptet wurde, bisher habe niemand in der wissenschaftlichen Diskussion Grass Antisemitismus vorgeworfen. Ich verwies in einer kurzen E-Mail auf Prof. em. Klaus Briegleb, der dies allerdings schon vor langer Zeit anhand des Romans "Die Blechtrommel" getan hatte und schlug dem Abendblatt vor, mit ihm, der selbst Hamburger ist, zu sprechen. Danach entwickelte sich folgender, unwesentlich gekürzter E-Brief-Wechsel mit einem Mitglied der Politikredaktion des Hamburger Abendblattes, im Folgenden Herr P genannt:


1.) 9.4.2012, 13.22h, Herr P an Herrn Schreiber:

Lieber Herr Schreiber, vielen Dank für Ihren Leserbrief und dem sehr guten Verweis auf Prof. Briegleb. Eine gute Stimme in der Debatte, für wahr! Sehr gerne würden wir Klaus Briegleb für einen Gastbeitrag gewinnen. Haben Sie seine Kontaktdaten? Im Internet habe ich sie nicht entdecken können.

Es wünscht Ihnen noch frohe Osterzeit,
Name, Politikredaktion Hamburger Abendblatt


2.) 9.4.2012, 18.37h, Schreiber an Herrn P

Sehr geehrter Herr P, leider kann ich nichts beitragen außer einer Website, die ein Radioarchiv enthält mit einem Vortrag von Briegleb von 2009. Die Kurzbeschreibung lautet: Klaus Briegleb: Fayngolds Opfervergleich: Über den lüstern erzählten Antisemitismus des Günter Grass. An Günther Grass’ Roman Blechtrommel zeigt Briegleb exemplarisch die Verschränkung von Opferdarstellung und Obszönität. Mit der engführenden Lektüre einzelner Text­passagen zeigt er auf, wie Antisemitismus sich unbewusst-bewusst fortschreibt. Insbesondere die Rolle des Romans in der bundesrepublikanischen Rezeption wird von Briegleb als Versuch deutscher Schuldabwehr interpretiert.
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Allerdings sehe ich gerade, dass es sich um eine Sendung des FSK handelt, womit die Sache fürs Abendblatt wohl gestorben ist. - Ich hörte diesen oder einen ähnlichen Vortrag vor 4 oder 5 Jahren an der Hamburger Universität, und wenn ich mich recht erinnere, kam Herr Briegleb aus Berlin. Sein Sohn Til oder Till ist, soweit ich weiß, Journalist und war mal bei der TAZ HH. Vielleicht können Sie ihn auftreiben.

Mit besten Grüßen, Michael Schreiber


3.) 9.4.2012, 18.46h, Herr P an Schreiber:

Vielen Dank! Der Tipp mit dem Sohn ist gut, einige KollegInnen hier haben auch Kontakt zu Till. Der Beitrag im FSK klingt interessant. Warum sollte diese Thematik nichts für das Abendblatt sein?

Mit besten Grüßen, Name


4.) 9.4.2012, 19.24h, Schreiber an Herrn P:
...
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Nicht die Thematik ist nichts fürs Abendblatt, sonst hätten Sie ja wohl kaum den Artikel geschrieben, aber FSK ist offenbar nichts für Sie: einer der wichtigsten Hamburger Sender wird praktisch nicht erwähnt im Abendblatt (oft noch nicht mal in der Programmvorschau), statt dessen jede Menge Gerede um die Dudelfunker, eine Moderatorin wird abgefeiert, die früher als Vorbild für Lachnummern im Ohnsorg-Theater gedient hätte ... Nun gut, ich will mich nicht ereifern, die Haupttageszeitung einer weitestgehend kulturlosen Stadt kann wohl nicht anders sein. (Manchmal gibt es allerdings schöne Ausnahmen, so z. B. Ihr Artikel darüber, dass der Bau der Elbphilharmonie zwar eines Tages beendet sein mag, aber dass ein Publikum, welches ein anspruchsvolles Programm goutieren könnte, damit noch nicht notwendigerweise gebacken ist).
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Beste Grüße, Michael Schreiber


5.) 9.4.2012, 19.44h, Herrn P an Schreiber:

Lieber Herr Schreiber, vielen Dank für den Link. In der Tat ist es schade, dass oftmals zu sehr auf den Mainstream gesetzt wird. Ist das in der taz anders? Ich habe generell das Gefühl, FSK findet nicht viel statt in den Medien. Allerdings sehe ich die Schuld dafür nicht nur bei den Massenmedien. Manchmal muss man nach den Perlen im Programm des FSK schon etwas suchen. Aber ich finde den Sender eine gute und wichtige Bereicherung des Frequenzbereiches.
Ich gebe den Hinweis mal an die Kolleg_innen der Kultur weiter.

Melden Sie sich gerne bei mir, wenn Sie wieder eine spannende Geschichte aus der Stadt haben. Auch, wenn der FSK schon berichtet haben sollte ;-)

Es grüßt Sie, Name

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Das passgenaue Danebenliegen bei jeder Reaktion unseres nun wirklich sehr kurzen Dialogs deutet auf die wichtigsten Eigenschaften hin, die von Journalisten hier gerne genommen werden: die selbstverständliche Bereitschaft, misszuverstehen, was es zu verstehen gilt; zu sagen, was man anders gemeint hat, aber aus Herzens Tiefe wünscht; sich die Bettdecke allgemeinen Opportunismus’ über den Kopf zu ziehen. Im Einzelnen:

Zu 1.): "vielen Dank für Ihren Leserbrief und dem sehr guten Verweis auf Prof. Briegleb." Dass es "und den" oder "mit dem" heißen müsste, übersehe ich, vielleicht hat der Computer ein Wort schneller beendet als sein eigentlicher Autor. Warum aber "sehr guter Verweis" anstatt zum Beispiel "brauchbarer Verweis"? Weil es zum sebstverständlichen Geschäft der Redaktion gehört, die Leser zu manipulieren, anstatt sie aufzuklären und man deshalb, ohne sich darüber klar zu sein, eine paternalistische Haltung ihnen gegenüber einnimmt, die sich darin äußert, eine aufmunternde Zensur ("sehr guter Verweis") zu verteilen, anstatt unverdruckst zu sagen, was eigentlich zu meinen wäre, nämlich dass dieser Verweis sehr gut zu gebrauchen sei.

Zu 3.): ich hatte die Vermutung geäußert, dass die Sache fürs Abendblatt wohl gestorben sei, weil nur in Verbindung mit dem Sender FSK zu haben. Mit der Sache waren natürlich, wie aus dem Text hervorgeht, die Äußerungen von Briegleb gemeint. Woraufhin Herr P fragt, warum diese "Thematik" nichts für das Abendblatt sein sollte; passgenau daneben: er meint nicht die Thematik, sondern das, was ich die Sache genannt habe; aber mit "Thematik“ kann er mir unterstellen, ich würde dem Abendblatt unterstellen, gewisse Themen nicht behandeln zu wollen. Dabei hatte ich bloß vermutet, dass das, was Briegleb zum Thema gesagt hat, nicht im Abendblatt zu Wort kommen werde. (Natürlich war es auch so).

Zu 5.): "In der Tat ist es schade, dass oftmals zu sehr auf den Mainstream gesetzt wird." - Ich habe den Begriff Mainstream nicht benutzt, erst recht nicht in einer Formulierung, nach der auf ihn gesetzt werde, dennoch vereinnahmt mich Herr P mit seinem "in der Tat" für seine Haltung. Gleichzeitig verschwindet sein Bedauern in der Unverbindlichkeit: er selbst, durch die Zeitung, für die er arbeitet, stellt überhaupt erst das her, was man Mainstream nennt, und so genau er das weiss, so wenig will er das wahrhaben. Deshalb sagt er nicht, ich bereue, dass ich auf den Mainstream gesetzt habe, sondern kommt in dem ganzen Satz gar nicht erst vor. - "Ist das in der taz anders?" Warum fragt der Mann mich das? Habe ich das behauptet? Nein, er galoppiert einfach auf seinen Assoziationen ins Blaue, denn ich hatte, um ihm das Auffinden Prof. Brieglebs zu erleichtern, geschrieben, dass dessen Sohn wahrscheinlich mal bei der TAZ gearbeitet hat. Was ihn an seiner Frage wirklich interessiert, ist die implizierte Antwort "nein", die ihn bei den Doofköppen entlastet, die in der TAZ einen Tributary vermuten, wo der doch längst in den Mainstream gemündet ist. Die paradoxe Logik eines Mainstreamherstellers ist, dass er mit dem Hamburger Abendblatt erst recht, nämlich originär, das Recht hat, auf den Mainstream zu "setzen", wenn schon die vermeintlich am Nebenfluss sitzende TAZ auf den Hauptstrom "setzt". - Er habe generell das Gefühl, erzählt er weiter, FSK finde nicht viel statt in den Medien. Welch ein Gemüse! FSK findet nur im Medium statt, es handelt sich um einen Rundfunksender! Im folgenden Satz spricht Herr P von den "Massenmedien", die ich jetzt einfach mal mit den "Medien" des vorhergehenden Satzes gleichsetze, um der innewohnenden Restlogik zu genügen. Diesen Massenmedien möchte er nicht die alleinige Schuld an seinen generellen Gefühlen geben, denn: "manchmal muss man nach den Perlen im Programm des FSK schon etwas suchen". Wenn man nur "manchmal" und nur "etwas" (nicht etwa Etwas) suchen muss, um eine Perle zu finden, dann dürfte man bei konzentrierter Suche (also dem Blick ins Programm) wohl jede Menge Perlen finden. Das ist mehr als ich von den NDR-Sendern oder etwa vom Hamburger Abendblatt behaupten könnte. Aber Tröstung naht: Herr P findet "den Sender eine gute und wichtige Bereicherung des Frequenzbereiches". Dass sich Bereiche bereichern ist ja in unserer Gesellschaft nicht neu. Wie aber ein Frequenzbereich dadurch bereichert wird, dass auf einigen seiner Frequenzen ein Radiosender sendet, bleibt mir rätselhaft. Aber das Ganze gewinnt seinen Sinn, wenn man annimmt, dass sich hier wieder Bahn bricht, was offen nicht zu sagen war: die teils absurde, teil begründete Angst des großen Springer-Konzerns vor dem kleinen Sender lässt den Redakteur die "Bereicherung", die übrigens eine "gute und wichtige" sei, ins physikalische Irgendwo schieben, damit sie im gesellschaftlich Konkreten nicht wahrgenommen werde. - Am Schluss musste ich dann aber versöhnt lachen, als mein kleiner Hinweis auf Briegleb scherzhaft als "spannende Geschichte aus der Stadt" bezeichnet wurde. Und gefreut hat mich auch, dass ich Herrn P mit dem letzten E-Mail Folgendes mitteilen konnte:


6.) 27. April 2012, 1039h von Michael Schreiber an Herrn P.

Sehr geehrter Herr P.,

zu Ihrer Information

konkret, Heft 05/2012: ein Gespräch mit dem Literaturhistoriker Klaus Briegleb über das Pamphlet des Günter Grass

Herr Briegleb weiß, dass, wenn ein Mensch spricht, es aus ihm spricht; und dieses "es" ist so offensichtlich und gleichzeitig so verborgen wie Edgar Allan Poes Brief auf dem Schreibtisch.

Mit freundlichem Gruß, Michael Schreiber

(10. Juni 2012)
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Piepenkopp - Dokumentierter Journalismus

Volksjournaille

In einer Glosse namens Zwischenruf, "Von der Mö zum OB" von Hans Wacker, Hamburger Abendblatt vom 9.11.2011 anlässlich der versuchten Umbenennung der Straße Dammtor in "Opernboulevard am Dammtor" stand folgender Satz:

"Die Mönckebergstraße hat Volkes Stimme bereits auf Mö reduziert."

Die Satzstellung ist doppeldeutig; die nicht gemeinte Bedeutung, die Mönckebergstraße hätte es geschafft, das Volk nur noch "Mö" stammeln zu lassen, ist mir sympathisch.

Die gemeinte Bedeutung, dass das hamburger Volk den Namen Mönckebergstraße nur noch verkürzend "Mö" ausspricht, ist eine Phantasie des Autors. Sein Verein, die Journaille, hat erfolglos versucht, diese Reduzierung herbeizuschreiben. Diese Erfolglosigkeit ignorierend, bricht sich die Sehnsucht Bahn, Stimme des Volkes zu sein, wenigstens mit dieser einen Banalität. Denn die Journaille weiß so gut wie sie es ignoriert, dass sie hier - und bei Springer besonders - nicht die Stimme des Volkes sein darf. Sie darf nicht der Vernunft des Volkes Ausdruck verleihen und im Allgemeinen auch nicht Pöbels Stimme sein. Sie muss nur den Raum zwischen den Anzeigen füllen und nebenbei das Volk erziehen, sich in den Löchern des Kapitals einzurichten, eine abstumpfende und immer dümmer machende Arbeit. (Juli 2013)
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Schlechte Laune

Schlechte Laune ist eine Zivilisationskrankheit. Ohne sie zu kultivieren verschwände sie schnell von selbst. Wenn man schlechte Laune nicht nur hat, sondern auch fortsetzt über ihr natürlich abflauendes hormonelles Potential hinaus, wirkt man zweifach auf andere: furchteinflößend und lächerlich.

Furchteinflößend, weil es niemand diesem fleischgewordenen Koloss schlechter Laune recht machen kann. Pflegt man seine Laune, behält er sie, denn eigentlich möchte er sie verlieren. Konterkariert man sie, setzt er sie fort, denn schließlich ist es seine Laune, deren Besitz verteidigt werden muss.

Lächerlich wirkt er auf Zuschauer, die unabhängig von seinen Launen sind. Sie haben die Distanz der Verwandlung. Darin liegt auch die Lösung: mit schlechter Laune stelle man sich vor den Spiegel. Der Spiegel distanziert uns von uns selbst; sobald wir begreifen, was wir sehen, empfinden wir uns als lächerlich. Und wir begreifen noch etwas: schlechte Laune ist nichts, was uns zugefügt wurde - wir haben sie selbst gemacht. (Juli 2013)
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Letzte Runde!

Trinker mit Witz und guter Bildung sind im Alter Schlossruinen vergleichbar: man besucht sie gerne, aber sowenig man in diesen wohnen möchte, möchte man jene täglich um sich haben. Trinker haben zu bestimmten Tages- oder Abfüllzeiten eine faszinierende Aura, sind dann Helden ferner Geschichten und später fallen ihnen die falschen Zähne heraus und sie erregen Mitleid & bei den Hartleibigen Abscheu. Könnte ein Nichttrinker jemals so ein strahlender Mittelpunkt einer Gesellschaft sein? (24.7.2014)
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Zivildienst

Wie zivilisieren wir uns? - Indem wir gegen unsere Natur angehen, ich gegen meine, du gegen deine. Wenn’s nicht ausreicht: ich gegen deine, du gegen meine. Damit ist der Hauch eines Fortschritts benannt, der endlich einmal nicht bloß technischer Natur ist. Der nicht mehr zu vermeidende technische Fortschritt ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich selbst zu flicken. Anfangs sollte er uns helfen, nun müssen wir ihm helfen, wie vielen Dingen, die sich als Wesen eingebügert haben: dem Bankenwesen, dem Staatswesen, bis hin zum Zukunftswesen und ähnlich überholten Dingen. (2011)
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Schnupperkurs

Fitnesscenter sind Orte, die man wesentlich olfaktorisch beschreiben kann. Metall und Plastik, an denen Schweiß haftet, sich verbindend mit diversen Parfüms aus der Erdölchemie, die aber nicht mehr so beeindruckend riechen wie das reine Erdöl oder seine Kraftvariante Diesel, sondern die genau so sinnlich sind wie die Kataloge der Aromafirmen: der letzte Sinn, der angesprochen wird, ist der Sinn fürs Geld. Das ist einer, den wir uns schwer erarbeitet haben & der im Fitnesscenter bewahrt & ausgebaut werden soll. Der Sinn, der beim Urahn Sport noch im Spiel sich verlor, liegt nun endgültig im Ziel Ertüchtigung. (Irgendwie faschistisch, oder?) Metall, doppeltes Erdöl: im Schweiße unseres Angesichts treiben wir uns das Leben aus. (Juni 2015)
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Übergehört

Zum Beispiel NDR II, der Sender, der seit längerer Zeit NDR Info heißt: spielt in abendlichen Sendungen, nun ja, Jazz; nennt diese Sendungen "Play Jazz!". Das Ausrufezeichen ist Teil des Namens (und nicht zu überhören). Warum wir Hörer aufgerufen werden, Jazz zu spielen, wo es doch der Rundfunk für uns tut, ist eine offene Frage. Wer will, kann sich auf der NDR-Internetseite ausführlich darüber informieren, was diese Sendung will. Was sie nicht will ist, Jazz zu spielen. Stattdessen will sie "dicht dran [sein] am Jazzgeschehen", "genau so bunt [sein] wie der Jazz", Trends nachspüren, und uns wissen lassen lassen, welche Platte Herbie Hancock auf eine einsame Insel mitnähme. Und natürlich ist es nicht bloß eine Sendung, sondern ein Magazin - durchaus folgerichtig, denn Magazine beinhalten in der Regel jede Menge Krempel. Ich war nicht immer zufrieden mit einem Michael Naura (insbesondere, wenn er Ornette Coleman beschimpft hat), aber heute wäre ich glücklich über eine Wiederauferstehung solcher Typen im Rundfunk. Stattdessen erfahren wir heute eine aufgeblasene Wichtigkeit (dies Wort muss einfach etwas mit dem Wicht zu tun haben) durch unangemessene Überhöhung von Dingen, die außerhalb der Musik, aber in Zusammenhang mit den Musikern stehen. Klatschhähne und -hühner, sozusagen. - Man muss sich nicht nehmen, weder ernst noch wichtig; man muss seinen Gegenstand ernst nehmen. Das allerdings ist zugegebenermaßen schwierig: wie kann man eine Musik ernst nehmen, die weitestgehend von einer Marketingabteilung diktiert wird, einer Marketingabteilung, die die meisten Künstler bereits im Kopf haben? Wie man früher von Gebrauchsgrafikern sprach, sollte man im Jazz heute von Gebrauchsmusikern sprechen, mit wenigen, sehr wenigen Ausnahmen. Konsequentes ästhetisches Denken gibt es unter den heute berühmten Jazzmusikern kaum noch. Die Neuen kommen nicht mehr hoch - sie werden nicht gespielt. Ästhetischer Mut ist so ungefähr das Letzte, was man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk finden wird. Sogenannte Moderatoren lesen in ihren Sendungen die Waschzettel der Tonträgerfirma auszugsweise ab. Den ehemaligen Musikredakteuren Michael Naura und Werner Burkhardt mit ihrem aufklärerischen Duktus wäre es unmöglich gewesen, das zu tun, was ihre Nachfolger heute im Radio machen: ein Verkaufsgespräch zu führen. Vieles von dem, was unabhängige Radiostationen wie fsk leisten, gehörte in ein öffentlich-rechtliches Programm.

Oder NDR III (der Sender, der nun natürlich NDR Kultur heißt, weil die Verantwortlichen weder den Unterschied noch den Zusammenhang der Begriffe Kunst und Kultur verstanden haben - oder nicht mehr verstehen wollen, weil sowieso alles egal ist): all die anbiedernden Moderatoren-Stimmen schütten einem eine Floskelsuppe ein, in der sich Partikel seriöser Kunstkritik verlieren. Etwas, das die Moderatoren, da sie ja nicht mehr "nur" Ansager sind, selbst fabrizieren müssen, offensichtlich ohne Leidenschaft für die Musik und oft genug in oberflächlicher Kenntnis der Musikgeschichte. Fad und mehlschleimig. Die dicht ins Mikrofon hauchende Stimme, die keine richtigen S-Laute mehr zustande bringt, ist Ausdruck des Sex-sells-Dogmas; die scheinbare Intimität - ein so offfensichtlicher Betrug wie jede "Sorge" einer Firma um ihre Kunden - zerstört jedes Mal auf abgeschmackteste Weise die Distanz, die durch die Kunst der vorgeführten Werke entstanden war; eine Distanz übrigens, die eine wirkliche Intimität des Hörers mit dem Werk erst ermöglicht. So ein Programm zu hören bedeutet, in ein ständiges Wechselbad aus Liebe und käuflicher Liebe zu geraten. Romantisch wie ein Essen mit Kerzen und hinterher musst du das beschissene Wachs überall abkratzen. Hallo, wir haben elektrisches Licht inzwischen! Aufklärung statt Einlullung war mal ein angesagtes Ding! Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk produziert nicht per se Ware, die zur Unkenntlichkeit verpackt (und oft genug zerstückelt) werden muss! Ihr seid keine Firma! Ihr seid eine Agentur dieses Staatswesens, die einen Auftrag hat! Wenn ihr glaubt, diesen Auftrag erfüllt zu haben, dann löst euch gefälligst auf! Werdet arbeitslos, oder jobbt für das halbe Gehalt bei Medienfirmen, die auf euer Gesülze angewiesen sind!

Oder Deutschlandfunk: lange her, aber unvergessen und symptomatisch: Ostermontag 2008, morgens, Interview mit Angelika Schrobsdorf. Diese spricht gestochen klar, in dem Wort "liebte" hört man das "b", dann das "t", dann das "e", ohne dass der Gesamteindruck theatralisch überkandidelt gewesen wäre. Wunderbar. Sie sprach über den Matsch, der heute als gesprochene deutsche Sprache durchgeht. Die Interviewerin: ein Wattebäuschchen, das nicht einmal ein stimmhaftes "s" aussprechen kann, oder nicht wagt, es auszusprechen. Zum klaren, eindeutigen, dazu die Vieldeutigkeit der Sprache ausnutzenden Sprechen der Schrobsdorf fällt der Interviewerin nur ein: "Preussen". Selbstverständlich nicht komplett, sondern, Sie erraten es: "ein bisschen".

Anscheinend üben die öffentlich-rechtlichen Anstalten nur noch ihrer Insassen wegen ihren Betrieb aus. Ich hab’s mir übergehört. Dazu passt, dass die Rundfunkgebühren nun in eine Steuer umgewandelt worden sind. Fast glaube ich, die herrschende Klasse kann den Witz gar nicht mehr goutieren, der darin besteht, dass die Geprügelten auch noch für den Knüppel aufkommen müssen. (Juni 2015)
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Bauform

Seitdem die Baustoffe beliebig formbar sind, werden die Bauten beliebig verformt. Zum ersten Mal seit den Pyramiden wird das ganze Bauwerk ein einziges Ornament. Kitsch gehört der Vergangenheit an. (2012)
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Fertig

Sollte ich mich eines Berufes bezichtigen, wäre es der des Touristen und Sublimateurs. Ein zusammengehöriges Berufsbild, denn beide Ausübungsfelder sind eng verbunden, wenn nicht sogar verflochten. Man denke auch an Gas-Wasser-Dach beim Klempner. - Tourist sein kann man nicht nur in der Ferne, sondern auch im eigenen Leben. (2011)
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Gefährdete Sprecher

Wenn der Schraubenschlüssel nicht passt, kann man noch so oft an der Mutter ansetzen, sie wird sich schwerlich drehen lassen. Wenn Wort, Phrase und Satz keine Begriffe mehr repräsentieren, gleiten sie an der Wirklichkeit ab und können nichts mehr über diese sagen. Das ist die einzige Gefahr, die nicht etwa der Sprache, vielmehr den Sprechern droht: sie verlernen das Denken. Ein Anglizismus ist als solcher weder begrüßens- noch verdammenswert. Erst wenn er eine begrifflich eher leere Menge repräsentiert, schadet er. Begriffe sind historisch gewachsen, dialektisch geformt. Ein Begriff, der noch nicht durch Literatur gegangen ist, ist noch im Werden. Wer weiß, was aus ihm wird. (2012)
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