ZEIT-Fragen I

Neulich hat mich DIE ZEIT auf ihre Website gelotst, indem sie mir für die Beantwortung unten stehender Fragen eine Uhr versprach. Da meine Uhr kaputt gegangen war, war ich erfreut über die Gelegenheit. Auf die Fragen konnte man nur durch Anklicken von 3 bzw. 4 vor-geschriebenen Antworten reagieren, womit man ja schon mal andeutet, dass dem gewöhnlichen DIE-ZEIT-Leser, diesem intellektuellen Gourmet, eher das Auswählen fremder (wenngleich nicht ihm fremder) Gedanken als das Produzieren eigener zugetraut wird. Wie ich geantwortet hätte, wenn es möglich gewesen wäre, Worte zu benutzten, steht unten. (Die Uhr gab’s denn doch nur für den Kauf mehrerer Exemplare der Zeitung, weshalb es nicht schade drum war).

Nimmt in unserer Gesellschaft das Bedürfnis nach einem tieferen Sinn im Leben zu?
1.) Ja, das beobachte ich auch.
2.) Nein, die Frage nach dem Sinn beschäftigt die Menschen heute nicht stärker als früher.
3.) Nein, im Gegenteil: Unsere Gesellschaft wird immer oberflächlicher.


Nun, wenn unsere Gesellschaft immer oberflächlicher würde, dann nähme natürlich auch das Bedürfnis nach einem tieferen Sinn zu. Wie Sie sicherlich wissen, ist "die Gesellschaft" kein monolithisch Ding sondern - aber das wissen Sie ja selbst. Die Aussage von Antwort 3 wäre also nicht das Gegenteil eines Bedürfnisses nach tieferem Sinn sondern seine Voraussetzung. Dass der Sinn des Lebens das Leben ist, welche Erkenntnis man einmal in Folge der Aufklärung als allgemeine erhofft hat, wird Ihnen wohl eher als oberflächliche Phrase denn als tiefe dialektische Einsicht erscheinen. So ist es, wenn Dialektik Ihnen nur ein Wort, nämlich ein Reizwort ist und deshalb mitsamt den Gesellschaftssystemen, die dieses Wort viel benutzt und wenig begriffen haben, im Abfalleimer gelandet ist.

Welche Rolle spielen Werte wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft?
1.) Diese Werte prägen uns immer noch - heute nicht weniger als früher.
2.) Diese Werte haben an Bedeutung verloren.
3.) Das kann ich nicht beurteilen.


Die vorgegebenen Antworten hätte man von der Bildzeitung erwarten können. Ihnen muss natürlich klar sein, dass die o. a. Werte erstens sekundär und zweitens ideologische Kampfbegriffe sind. Sekundär, weil, wenn’s der Wirtschaft dient, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sich verdünnisieren, ideologische Kampfbegriffe, weil sie die Verbrechen der Staaten zu Taten der Menschlichkeit und Gerechtigkeit ummünzen und auch so (neben dem Geld natürlich) Leute motivieren, diese Verbrechen auszuführen.

Wie stark beeinflusst Religion Ihr alltägliches Leben?
1.) Sehr stark: Der Glaube ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.
2.) Eher weniger: Ich nehme nur sporadisch, z. B. an Feiertagen, am religiösen Leben teil.
3.) Religion spielt in meinem Leben keine Rolle.


Ich wünschte, ich könnte Antwort 3 nehmen, weil ich nicht für 5 Pfennig religiös bin. Leider spielt die Gesellschaft da nicht so recht mit. So stoße ich in nahezu jeder Zeitung auf Berichte über innerkirchliche Scharmützel; kein neuer Kirchenchef, keine neue Kirchenchefin wird mir vorenthalten; über sogenannte Kirchentage wird berichtet, als handele es sich um Veranstaltungen, auf denen wenigstens mit einem Minimum an Rationalität gehandelt wird; mit einem Wort: die Journaille, die die Privatsachen der Bürger, zu denen der Glaube bekanntlich gehört, unentwegt an die Öffentlichkeit zerrt, ist schlimmer als die Summe der privaten Veröffentlichungen auf zum Beispiel Facebook.

Wie finden Sie es, dass DIE ZEIT das neue Ressort »Glauben & Zweifeln« eingeführt hat?
1.) Ich begrüße das sehr und kann mir vorstellen, häufiger im neuen Ressort zu lesen.
2.) Mich interessieren andere Themen in der ZEIT mehr.
3.) Ich möchte das neue Ressort zunächst genauer kennen lernen, bevor ich mir ein Urteil bilde.


Wie ich das finde? Schlecht. Aber das darf ich ja nicht antworten. Ich darf höchstens antworten, dass mich andere Themen in der Zeit mehr interessieren, oder dass ich das Ressort zunächst genauer kennenlernen möchte. Haben Sie Angst vor einer klaren Antwort oder halten Sie Ihre Leser und Möchtegern-Leser zu einer solchen nicht fähig?

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie häufig lesen Sie momentan DIE ZEIT?
1.) Bislang eher selten bis gar nicht.
2.) Manchmal.
3.) Wöchentlich.
4.) Im Abonnement.


Woraus zu schließen ist, dass die anderen Fragen nicht persönlich waren, es sei denn, man betont das "noch"; aber da hier geschrieben und nicht gesprochen wird, können wir wohl von einer Betonung des "persönliche" ausgehen. Ich habe mein Zeit-Abonnement vor vielen Jahren mit Gründen, die ich Ihnen übermittelt habe, gekündigt. Eine gerecht und menschlich geführte Adressenkartei hätte darüber Auskunft geben können, und also auch darüber, dass Ihr geplantes neues Ressort mich nur bestätigt hätte im Ignorieren Ihrer Zeitung. Aber ihre Kartei reiht sich würdig ein in die Menge ähnlicher Karteien, die nur zu einem Ziel benutzt werden: die Karteileichen zu nötigen, bis sie ins Gewerbeleben zurückkehren. Das ist allerdings, wie ich Ihnen als alter Glaubenszweifler mitgeben möchte, keine Wiederauferstehung, sondern die Erweckung von Zombies.
(Sonntag, 6. Juni 2010)