Schrift schreiben

In dem Jahr, in dem Schreibschrift zu lernen an den Hamburger Schulen nicht mehr Pflicht ist, wird woanders auf der Welt ein Roboter vorgestellt, der Schreibschrift, wie soll ich sagen, schreibt. Oder sollte ich sagen: der das Schreiben von Schreibschrift imitieren kann?

"... I could, and left to my own devices I probably would" (The Pet Shop Boys). Zivilisationsteilnehmer sollten zivil bleiben können, auch wenn mal der Strom ausfällt. Das einfache Rechnen wird bereits weitgehend an die Maschinen abgegeben; indem die Maschinen uns so ersetzen, beschränken wir unsere Fähigkeiten, statt sie zu erweitern. Wer nicht rechnen kann, lässt sich leichter über den Tisch ziehen. Wer keine Schreibschrift lernt, läuft Gefahr schlechter denken zu lernen. Warum? In und mit der Sprache lerne ich, einen Gedanken herzustellen und auszudrücken, welche beiden Tätigkeiten nur zusammen möglich sind. Man hat keinen Gedanken, wenn man ihn nicht ausdrücken kann, und keinen Ausdruck, wenn der Gedanke fehlt. Seitdem wir nicht nur sprechen, sondern auch schreiben, gelingt uns die Reflexion besser. Mit der Schrift haben wir einen Speicher gefunden, der aufbewahrt, was im Kopf so exakt nicht aufbewahrt werden kann und uns zurückblickend weiter denken lässt.

Wie sieht die Schrift aus, wie wird sie hergestellt und wer stellt sie her?

In der Handschrift formen wir jeden Buchstaben, negieren Formen durch Streichen oder Radieren und geben den einzelnen Elementen der Schrift bewusste und unbewusste Gewichte. Das Bild dieser Schrift sagt, noch ohne die Bedeutung der Wörter identifiziert zu haben, etwas über den Schreiber aus. Die Handschrift lässt tiefer blicken, vor allen Dingen den Schreiber selbst. Sein Text ist ihm eigener, um es mal zu über-steigern. In der Kunst gibt es Bilder, die aus handgeschriebenen Worten bestehen oder solche enthalten. Mit jeder handgeschriebenen Seite stellen wir nicht nur einen Text, sondern auch ein Bild her. Der Begriff Schönheit taucht in einer anderen Ecke auf als in der, in der die berüchtigte Schönschrift lauert. Die Hinweise ufern aus. Man las, dass Schönheit und Richtigkeit oder Wahrheit in Zusammenhang stehen; Eleganz in der Mathematik; Schönheit des Gedankens. – Nur, um anzudeuten, dass ein großes Feld der Erörterung liegt, vielleicht sogar brach.

Mit der Schreibmaschine formen wir nichts Graphisches mehr, sondern wählen durch mechanisches Tackern Buchstaben aus, die sich durch Leertasten zu Worten finden. Wir müssen (was oft ganz gut tut) den Satz in seinen Einzelheiten kennen, bevor wir ihn schreiben, spontane Veränderungen, um den zu formulierenden Gedanken deutlicher zu machen, sind schwieriger als in der Schreibschrift. Manchmal gab man sich mit einer schlechteren Variante zufrieden, weil sie nun mal getippt war.

Am Computer sieht man nur so aus wie an einer Schreibmaschine. Man kann einen "Text gestalten". Auch wenn man noch so viel hinzu fügt oder streicht oder durcheinander würfelt, der Text sieht immer aus, als käme er aus der Reinigung. Denn am Computer arbeite ich nicht allein. Mit mir arbeiten alle Programmierer, die an Rechtschreib-, Grammatik-, Stilprogrammen beteiligt waren. Der seltsame Druck, der manche Leserbriefschreiber Journalisten-Jargon stammeln lässt, liegt hier bereits in der Maschine - es sei denn, ich schalte diverse Programme ab und benutze den Computer als Schreibmaschine.

Man muss nicht lernen, Schönschrift zu schreiben; man muss lernen, flüssig zu schreiben. Da passt die kontinuierliche Bewegung der Schreibschrift. Druckschrift heißt so, weil sie einer Maschine angepasst wurde. Wer einen einzelnen Buchstaben schreibt, absetzt, wieder ansetzt für den nächsten, imitiert seine eigenen Fähigkeiten, als wäre er selbst die Maschine. Die stakkatohafte Ausdauer einer Maschine ist roh, unsere Bewegungen sind dagegen fein.

Erinnerungen an die Schulzeit: Schreibschrift schreibend bekam alles sein richtiges Tempo. Ich kann meine Kindheit nicht experimentell ins Heute übersetzen. Meine heutigen schreibschriftlichen Notizen, jederzeit und überall angefertigt, scheinen mir allen elektronisch festgehaltenen Äußerungen meiner Bekannten überlegen. Das führe ich auch auf den glücklichen Umstand zurück, dass ich in der Schule Schreibschrift lernte, in der die Dialektik von gedanklicher Form und formuliertem Gedanken am fruchtbarsten wird.

Die Schreibschrift, die sich zur individuellen Handschrift entwickelt, muss weiter gelehrt werden, weil sie unsere Fähigkeit ist und lebenslang erfolgreicher genutzt werden kann als jeder Ersatz. Hilfsmittel, die unsere Fähigkeiten verkümmern lassen, sind keine Hilfsmittel, sondern Ersatz. Wenn sich jemand ein Bein absägt, um eine Prothese zu tragen, wird dahinter mindestens eine psychische Krankheit vermutet. Wenn die Schreibschrift als Pflicht an Schulen abgeschafft wird, steht dahinter diese akut kranke Gesellschaft.
(1. November 2011)