Gott vertellt - Erzählung und Religion

Vor den technischen Kommunikationsmitteln erfahren wir Geschichten über uns Fremdes nur durch einen Erzähler. Dieser macht uns mit der Geschichte vertraut, weil und wenn wir ihm vertrauen. Er kann sagen, was er will, wir wüssten nicht, ob es richtig ist, denn wir kennen nicht das Ereignis, sondern nur seine, des Erzählers, Geschichte. Hören wir eine Geschichte über das gleiche Ereignis von einem anderen Erzähler, leicht nuanciert, mögen wir zweifeln, aber eher am Ereignis als am Erzähler. Die Widersprüche beider Erzählungen führen nicht unbedingt zur Erleuchtung des Ereignisses. Sie verfestigen eher die Verbindung zum Erzähler und die Verbindung von Erzähltem und Erzähler. Ohne Erzähler gibt es keine Geschichte, das wissen wir. Das es ohne Ereignis keine Geschichte gibt, ahnen wir nur. Das ist der Prozess, in dem Gott geboren wird, der Erschaffer dessen, was uns fremd ist. Die Welt, die wir nicht kennen, die so viel größer ist, als die, die wir kennen, ist unabdingbar an den Erzähler gebunden. Sie existiert für uns nicht unabhängig vom Erzähler. Der Schluss von "viele Erzähler" auf "unabhängig von ihnen existierende Welt", die man aus ihren Erzählungen destillieren könnte, ist ein wagemutiger: wir müssten all die Erzählungen, mit und in denen wir uns so wohl gefühlt haben, kritisch betrachten. Und Kritik, wie wir wissen, ist eine relativ spät entwickelte Eigenschaft der Menschheit, und eine immer noch relativ spärlich ausgeübte. Denn hinter ihr steckt das Bewusstsein oder zumindest die Ahnung, dem Nichts begegnen zu können. Wir könnten die Kühe loben, weil sie unbelastet vom Bewusstsein ohne immerwährende Furcht leben können. Statt aus dem Geist der Kritik zu handeln, machen wir unsere Welt immer komplizierter (anstatt komplexer), immer irrationaler, immer mystischer, nur um alle Erzähler und alles Erzählte unterzubringen.
(November 2011)