Materialpudel

Jeff Koons: "Balloon Dog (Magenta)", High chromium stainless steel, 121 x 143 x 45 inches

Koons gibt seinem Material den vollkommenen Anschein eines anderen Materials: die Metallskulptur erscheint als Heliumballon. Er ist im Umgang mit Material Gott, denn er verfügt vollkommen. Er bewegt sein Material nicht, sondern er setzt es, indem er sich darüber hinwegsetzt, wenn auch nur für das Sehen und nicht die kriminaltechnische Untersuchung. Dann erst kommt das Design, welches gedanklich vielleicht vorher war; vielleicht aber war auch der Gedanke am Anfang, etwas zu schaffen, das nicht so aussieht, als wäre es aus demselben Etwas erschaffen. Wesentlich ist, dass Material und Werk nicht mehr verschränkt sind, sondern ihnen ein willkürliches Verhältnis gegeben wird. Der Künstler als mit dem Fuß aufstampfendes Kind, was nach allgemeiner Beobachtung eine Erscheinungsform Gottes ist. Der Nachteil: wenn man Gott (einer der monotheistischen, absoluten Götter) ist, kann einen nichts mehr leiten, nichts bewegt einen, nichts zwingt einen. Man ist vollkommen frei, also auch von den Sichtweisen der herrschenden sowie der beherrschten Teile unserer Gesellschaft. Das macht den herrschenden Teil der Kunst heute fremd für alle und bedingungslos wichtig für die herrschenden Teile. Bedingungslos, weil diese Kunst leer ist und deshalb mit jeder Ideologie, jedem Diskurs, jedem Geschwätz gefüllt werden kann. Sie ist leer, weil sie dank des wissenschaftlich-technischen Fortschritts sich vom Material lösen kann, und diese neue Möglichkeit in uns anscheinend nichts anderes bewirken kann als ein Taumeln, eine Art Topfschlagen, bei welchem der Stock zufällig irgendwo auftrifft (wie in der Architektur inzwischen auch). Ich sage nicht, dass Moore oder Hrdlicka bessere Künstler sind als Koons oder Hirst. Ich sage, dass Kunst, die bis vor Kurzem aus der Auseinandersetzung mit dem Material entstanden ist, nun im Nichts gelandet ist oder im Kinderzimmer. Vielleicht lernt man noch. Vielleicht ist die Auseinandersetzung mit dem Material während der Produktion eines Werks aber auch Bedingung für dessen Sinnlichkeit; dann wäre der magentafarbene Hund keine Kunst, sondern Design, was ihn nicht moralisch wertloser macht, sondern schlicht von Kunst unterscheidet.
(März 2011)

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LOVE

LOVE, 1966, von Robert Indiana. Ein schöner Kommentar. Das O ist schräg. Ein Buchstabe, der in seinem Idealzustand als regelmäßiger Kreis gar nicht schräg sein kann. Was aus der Rolle fällt, oder aus der Falle rollt, ist geneigten Geistern schon anarchistisch. Die Farben sind einerseits beliebig solange sie andererseits sich aufeinander beziehen. Das Wort ist Substantiv und Verb. Liebe und liebe. Kein Ausrufezeichen. Keine Aufforderung. Eine sachliche Feststellung, vielleicht ein Rezept. Etwas, das der nüchterne Verstand empfiehlt: Liebe, liebe. Die allgemeine Liebe der Prediger und Hippies ist der falsche Begriff. Jede Liebe von Individuen zueinander zerreist den gesellschaftlichen Frieden; wie grob und für wie lange ist eine Frage der Zivilisationshöhe.
(Januar 2007)

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Verdunkelungsgefahr

Die Farben der Moden: von heiter nach depressiv. Sechziger Jahre: Technicolor, Freude an Farbe, bunt, aber nicht beliebig. Plattencover, Kleidung (Mods), Autofarben: Elfenbein, klares Rot, klares Grün, Blau mit wenig Rot-Anteilen. Auf dem Weg in die Achtziger werden die Farben dunkler und der Violett-Anteil steigt stetig. Heutige Autos: farblich undefinierbarer Schmutz, aber hochglänzend. Kleidung: Schwarz ist eine Farbe geworden! Das ist der Todesstoß für Farbgestaltung. Schwarz ist in Wirklichkeit ein Diener für Tiefe, Kontrast, Schatten. Die Folge des gestiegenen Violett-Anteils: Kälte! Von stilistischer Einheit zu Uniformität: statt die Farben abzuwägen, aufeinander und auf die Handlung zu beziehen, wird heute eine Grundfärbung vorgegeben; für die kurzen Fernseh-Krimis meistens ein metallisches Blau-Violett, für dramatischere Elaborate gerne eine gelbliche oder bräunliche Einfärbung usw. Siehe dein eigenes Photobearbeitungsprogramm, mit dem deine Bilder plötzlich den Stich des Berühmten bekommen.
(September 2011)

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Weiße Blätter

Wir haben keine weißen Blätter mehr. Wenn wir schreiben wollen, müssen wir Geschriebenes überschreiben. Dabei geht Respekt verloren. Wir machen Billiges aus Teurem, Scheiße aus Gold und organisieren Zufallsgeräusche zur Kunst. Die Bedeutung schwindet dahin, der Grad der Uneindeutigkeit steigt, bis die Botschaft eindeutig wird: Bedeutung stört das Geschäft mit der Kunst.
(Mai 2012)

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Schleim

Versuchen wir mit all unserer Kunst dem Schleim zu entrinnen, der Urform und Unform des Lebens? Ordnung ist das Gegenteil von Schleim, moderne Hygiene löscht unsere natürlichen Ausdünstungen und Absonderungen. Auf gereinigter Oberfläche werden neue, geschmacklich, geruchlich, medizinisch geordnete Substanzen aufgetragen: ganz ohne Schleim fühlen wir uns unwohl. Gegen die Angst vor Formlosigkeit erregen wir uns oder einander sexuell.

Essenskunst: das Durchschnittsessen als Schleim reichen = die einzelnen Gänge sorgfältig zubereiten, samt Getränken alles zusammenwerfen, pürieren und genießen; das ist nicht allzu weit entfernt von gewissen Praktiken der modernen Küche, die wir nicht der Verfeinerung des Geschmacks sondern dem Marketing der Küchenmaschinenfirmen verdanken.
(Juli 2013)

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Artikel 5

Die Freiheit der Kunst besteht darin, alles verhandeln zu können. Sich die Freiheit herauszunehmen, einen Markt zu bedienen, ist der euphemistisch verklärte Zwang des letzteren. Die Freiheit der Kunst findet ihren größten Widersacher in der Freiheit des Marktes, die eben keine Freiheit der Menschen ist, sondern die Freiheit einer Machination, von Menschen erzeugt, aber von ihnen nicht mehr kontrolliert.
(Juli 2013)

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Forever Mod

Was es heißt, in der Kunst ein Mod zu sein und nicht ein Hippie: nicht versinken, sondern wieder herauskommen - Bewußtsein gewinnen statt zu verlieren - Eleganz als zivilisatorische Aneignung einer natürlichen Methode zu begreifen.
(Juli 2014)

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Definition

Kunst ist der Gegenstand, der, nachdem alles andere erwogen, nichts anderes sein kann.
(Dezember 2014)

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O Meine Teuerste

Da Kunst als Ware vollkommen in den Kapitalismus integriert ist, hat sie auch ein Hochpreissegment. Das hat nichts mit Qualität zu tun.
(2011)

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kategoriell

Das kategorische Nein der Kunst ist das Nein zur Kategorie.
(2015)

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