Piepenkopp - dokumentierter Journalismus

Günther Grass schrieb einen von ihm als Gedicht bezeichneten Text mit dem Titel "Was gesagt werden muss“. Darüber schrieb das Hamburger Abendblatt einen Artikel, in dem unter anderem behauptet wurde, bisher habe niemand in der wissenschaftlichen Diskussion Grass Antisemitismus vorgeworfen. Ich verwies in einer kurzen E-Mail auf Prof. em. Klaus Briegleb, der dies allerdings schon vor langer Zeit anhand des Romans "Die Blechtrommel" getan hatte und schlug dem Abendblatt vor, mit ihm, der selbst Hamburger ist, zu sprechen. Danach entwickelte sich folgender, unwesentlich gekürzter E-Brief-Wechsel mit einem Mitglied der Politikredaktion des Hamburger Abendblattes, im Folgenden Herr P genannt:


1.) 9.4.2012, 13.22h, Herr P an Herrn Schreiber:

Lieber Herr Schreiber, vielen Dank für Ihren Leserbrief und dem sehr guten Verweis auf Prof. Briegleb. Eine gute Stimme in der Debatte, für wahr! Sehr gerne würden wir Klaus Briegleb für einen Gastbeitrag gewinnen. Haben Sie seine Kontaktdaten? Im Internet habe ich sie nicht entdecken können.

Es wünscht Ihnen noch frohe Osterzeit,
Name, Politikredaktion Hamburger Abendblatt


2.) 9.4.2012, 18.37h, Schreiber an Herrn P

Sehr geehrter Herr P, leider kann ich nichts beitragen außer einer Website, die ein Radioarchiv enthält mit einem Vortrag von Briegleb von 2009. Die Kurzbeschreibung lautet: Klaus Briegleb: Fayngolds Opfervergleich: Über den lüstern erzählten Antisemitismus des Günter Grass. An Günther Grass’ Roman Blechtrommel zeigt Briegleb exemplarisch die Verschränkung von Opferdarstellung und Obszönität. Mit der engführenden Lektüre einzelner Text­passagen zeigt er auf, wie Antisemitismus sich unbewusst-bewusst fortschreibt. Insbesondere die Rolle des Romans in der bundesrepublikanischen Rezeption wird von Briegleb als Versuch deutscher Schuldabwehr interpretiert.
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Allerdings sehe ich gerade, dass es sich um eine Sendung des FSK handelt, womit die Sache fürs Abendblatt wohl gestorben ist. - Ich hörte diesen oder einen ähnlichen Vortrag vor 4 oder 5 Jahren an der Hamburger Universität, und wenn ich mich recht erinnere, kam Herr Briegleb aus Berlin. Sein Sohn Til oder Till ist, soweit ich weiß, Journalist und war mal bei der TAZ HH. Vielleicht können Sie ihn auftreiben.

Mit besten Grüßen, Michael Schreiber


3.) 9.4.2012, 18.46h, Herr P an Schreiber:

Vielen Dank! Der Tipp mit dem Sohn ist gut, einige KollegInnen hier haben auch Kontakt zu Till. Der Beitrag im FSK klingt interessant. Warum sollte diese Thematik nichts für das Abendblatt sein?

Mit besten Grüßen, Name


4.) 9.4.2012, 19.24h, Schreiber an Herrn P:
...
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Nicht die Thematik ist nichts fürs Abendblatt, sonst hätten Sie ja wohl kaum den Artikel geschrieben, aber FSK ist offenbar nichts für Sie: einer der wichtigsten Hamburger Sender wird praktisch nicht erwähnt im Abendblatt (oft noch nicht mal in der Programmvorschau), statt dessen jede Menge Gerede um die Dudelfunker, eine Moderatorin wird abgefeiert, die früher als Vorbild für Lachnummern im Ohnsorg-Theater gedient hätte ... Nun gut, ich will mich nicht ereifern, die Haupttageszeitung einer weitestgehend kulturlosen Stadt kann wohl nicht anders sein. (Manchmal gibt es allerdings schöne Ausnahmen, so z. B. Ihr Artikel darüber, dass der Bau der Elbphilharmonie zwar eines Tages beendet sein mag, aber dass ein Publikum, welches ein anspruchsvolles Programm goutieren könnte, damit noch nicht notwendigerweise gebacken ist).
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Beste Grüße, Michael Schreiber


5.) 9.4.2012, 19.44h, Herrn P an Schreiber:

Lieber Herr Schreiber, vielen Dank für den Link. In der Tat ist es schade, dass oftmals zu sehr auf den Mainstream gesetzt wird. Ist das in der taz anders? Ich habe generell das Gefühl, FSK findet nicht viel statt in den Medien. Allerdings sehe ich die Schuld dafür nicht nur bei den Massenmedien. Manchmal muss man nach den Perlen im Programm des FSK schon etwas suchen. Aber ich finde den Sender eine gute und wichtige Bereicherung des Frequenzbereiches.
Ich gebe den Hinweis mal an die Kolleg_innen der Kultur weiter.

Melden Sie sich gerne bei mir, wenn Sie wieder eine spannende Geschichte aus der Stadt haben. Auch, wenn der FSK schon berichtet haben sollte ;-)

Es grüßt Sie, Name

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Das passgenaue Danebenliegen bei jeder Reaktion unseres nun wirklich sehr kurzen Dialogs deutet auf die wichtigsten Eigenschaften hin, die von Journalisten hier gerne genommen werden: die selbstverständliche Bereitschaft, misszuverstehen, was es zu verstehen gilt; zu sagen, was man anders gemeint hat, aber aus Herzens Tiefe wünscht; sich die Bettdecke allgemeinen Opportunismus’ über den Kopf zu ziehen. Im Einzelnen:

Zu 1.): "vielen Dank für Ihren Leserbrief und dem sehr guten Verweis auf Prof. Briegleb." Dass es "und den" oder "mit dem" heißen müsste, übersehe ich, vielleicht hat der Computer ein Wort schneller beendet als sein eigentlicher Autor. Warum aber "sehr guter Verweis" anstatt zum Beispiel "brauchbarer Verweis"? Weil es zum sebstverständlichen Geschäft der Redaktion gehört, die Leser zu manipulieren, anstatt sie aufzuklären und man deshalb, ohne sich darüber klar zu sein, eine paternalistische Haltung ihnen gegenüber einnimmt, die sich darin äußert, eine aufmunternde Zensur ("sehr guter Verweis") zu verteilen, anstatt unverdruckst zu sagen, was eigentlich zu meinen wäre, nämlich dass dieser Verweis sehr gut zu gebrauchen sei.

Zu 3.): ich hatte die Vermutung geäußert, dass die Sache fürs Abendblatt wohl gestorben sei, weil nur in Verbindung mit dem Sender FSK zu haben. Mit der Sache waren natürlich, wie aus dem Text hervorgeht, die Äußerungen von Briegleb gemeint. Woraufhin Herr P fragt, warum diese "Thematik" nichts für das Abendblatt sein sollte; passgenau daneben: er meint nicht die Thematik, sondern das, was ich die Sache genannt habe; aber mit "Thematik“ kann er mir unterstellen, ich würde dem Abendblatt unterstellen, gewisse Themen nicht behandeln zu wollen. Dabei hatte ich bloß vermutet, dass das, was Briegleb zum Thema gesagt hat, nicht im Abendblatt zu Wort kommen werde. (Natürlich war es auch so).

Zu 5.): "In der Tat ist es schade, dass oftmals zu sehr auf den Mainstream gesetzt wird." - Ich habe den Begriff Mainstream nicht benutzt, erst recht nicht in einer Formulierung, nach der auf ihn gesetzt werde, dennoch vereinnahmt mich Herr P mit seinem "in der Tat" für seine Haltung. Gleichzeitig verschwindet sein Bedauern in der Unverbindlichkeit: er selbst, durch die Zeitung, für die er arbeitet, stellt überhaupt erst das her, was man Mainstream nennt, und so genau er das weiss, so wenig will er das wahrhaben. Deshalb sagt er nicht, ich bereue, dass ich auf den Mainstream gesetzt habe, sondern kommt in dem ganzen Satz gar nicht erst vor. - "Ist das in der taz anders?" Warum fragt der Mann mich das? Habe ich das behauptet? Nein, er galoppiert einfach auf seinen Assoziationen ins Blaue, denn ich hatte, um ihm das Auffinden Prof. Brieglebs zu erleichtern, geschrieben, dass dessen Sohn wahrscheinlich mal bei der TAZ gearbeitet hat. Was ihn an seiner Frage wirklich interessiert, ist die implizierte Antwort "nein", die ihn bei den Doofköppen entlastet, die in der TAZ einen Tributary vermuten, wo der doch längst in den Mainstream gemündet ist. Die paradoxe Logik eines Mainstreamherstellers ist, dass er mit dem Hamburger Abendblatt erst recht, nämlich originär, das Recht hat, auf den Mainstream zu "setzen", wenn schon die vermeintlich am Nebenfluss sitzende TAZ auf den Hauptstrom "setzt". - Er habe generell das Gefühl, erzählt er weiter, FSK finde nicht viel statt in den Medien. Welch ein Gemüse! FSK findet nur im Medium statt, es handelt sich um einen Rundfunksender! Im folgenden Satz spricht Herr P von den "Massenmedien", die ich jetzt einfach mal mit den "Medien" des vorhergehenden Satzes gleichsetze, um der innewohnenden Restlogik zu genügen. Diesen Massenmedien möchte er nicht die alleinige Schuld an seinen generellen Gefühlen geben, denn: "manchmal muss man nach den Perlen im Programm des FSK schon etwas suchen". Wenn man nur "manchmal" und nur "etwas" (nicht etwa Etwas) suchen muss, um eine Perle zu finden, dann dürfte man bei konzentrierter Suche (also dem Blick ins Programm) wohl jede Menge Perlen finden. Das ist mehr als ich von den NDR-Sendern oder etwa vom Hamburger Abendblatt behaupten könnte. Aber Tröstung naht: Herr P findet "den Sender eine gute und wichtige Bereicherung des Frequenzbereiches". Dass sich Bereiche bereichern ist ja in unserer Gesellschaft nicht neu. Wie aber ein Frequenzbereich dadurch bereichert wird, dass auf einigen seiner Frequenzen ein Radiosender sendet, bleibt mir rätselhaft. Aber das Ganze gewinnt seinen Sinn, wenn man annimmt, dass sich hier wieder Bahn bricht, was offen nicht zu sagen war: die teils absurde, teil begründete Angst des großen Springer-Konzerns vor dem kleinen Sender lässt den Redakteur die "Bereicherung", die übrigens eine "gute und wichtige" sei, ins physikalische Irgendwo schieben, damit sie im gesellschaftlich Konkreten nicht wahrgenommen werde. - Am Schluss musste ich dann aber versöhnt lachen, als mein kleiner Hinweis auf Briegleb scherzhaft als "spannende Geschichte aus der Stadt" bezeichnet wurde. Und gefreut hat mich auch, dass ich Herrn P mit dem letzten E-Mail Folgendes mitteilen konnte:


6.) 27. April 2012, 1039h von Michael Schreiber an Herrn P.

Sehr geehrter Herr P.,

zu Ihrer Information

konkret, Heft 05/2012: ein Gespräch mit dem Literaturhistoriker Klaus Briegleb über das Pamphlet des Günter Grass

Herr Briegleb weiß, dass, wenn ein Mensch spricht, es aus ihm spricht; und dieses "es" ist so offensichtlich und gleichzeitig so verborgen wie Edgar Allan Poes Brief auf dem Schreibtisch.

Mit freundlichem Gruß, Michael Schreiber

(10. Juni 2012)