Verstört

Mit der Kunst der Sprache ist es wie mit der Sprache der Kunst: man muss nicht alles verstehen, um die Schönheit genießen zu können. Streng genommen läßt sich Kunst nicht verstehen, weil sie weder argumentiert noch gar beweisen will. Wir möchten alle und immer verstehen, ob Integralrechnung, Fußballsiege oder des Popstars neueste Freundin, und wenn es uns ums Verrecken nicht gelingt, rennen wir in die Sackgassen der Religion, Mystik, Esoterik, Schwärmerei. Es ist aber nicht der Nebel sondern die Kunst, die über das Verstehen hinausführt, zu Tieferem und Leichterem, vielleicht zu Verständnis, Erkenntnis, zur Ruhe im Auge des Hurricans. (Juli 2013)

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Herman Melville, Moby Dick or The Whale

Seit vielen Jahrzehnten eines meiner Lieblingsbücher, las ich es neulich zum ersten Mal auf Englisch. Vorher verglich ich eine neue Übersetzung in einigen Teilen mit einer alten und dem Original. Nach wie vor finde ich die besten Deutsch-Als-Ob-Übersetzungen englischer Sätze bei Asterix.

Bei grundsätzlich wörtlicher Übersetzung bleibt die Fremdheit erhalten. Was kann man tun, die jeweils fremde Sprache uns Nichtkennern verständlicher zu machen? Beim "Eindeutschen" mag die Geschichte bleiben, aber die Geschichte der Sprache und damit ihrer Sprecher wird blank. Gedanken gehen verloren oder werden nicht erkennbar. Was bleibt von der Ironie, die uns so viel Erkenntnis bietet? Beim wörtlichen Übersetzen, was ja nur dank der Verwandschaft beider Sprachen möglich ist, vielleicht aber auch ähnlich zwischen allen Sprachen geht, wenn man die kleinsten Begriffseinheiten als Worte nimmt, entsteht Kuddelmuddel. Das ist fruchtbar. - Plötzlich muss man sich einem Gegenstand durch einen neuen Kanal nähern, man sieht, statt wiederzuerkennen was man nicht kannte. Die normalen Übersetzungen geben uns ein auf verwandt gefärbtes Buch, mal "besser", mal "schlechter". Und oder Aber: besser eine Übersetzung als kein Buch, zumindest in diesem Fall. Das eigene Studium einer fremden Sprache erfordert viel Zeit und Mühe.

"Seat thyself sultanically among the moons of Saturn, and take high abstracted man alone; and he seems a wonder, a grandeur, and a woe. But from the same point, take mankind in mass, and for the most part, they seem a mob of unnecessary duplicates, both contemporary and hereditary."

Nehmt Platz höchstselbst sultanisch unter den Monden des Saturn, und nehmt hoch abstrahiert Mensch allein; und er scheint ein Wunder, eine Erhabenheit und ein Leid. Doch vom gleichen Punkt, nehmt Ihr Menschheit als Masse, und zum größten Teil erscheint sie als Mob unnützer Duplikate, jetzt wie ererbt.

So lese ich das, und das schwierigste Wort ist "hereditary", das in sich Optionen für die Zukunft und die Vergangenheit trägt, das heute, insbesondere durch Fortschritte der Gentheorien, eine andere Färbung, mehr Tiefe bekommen hat, für das ich kein passendes deutsches finde.

"Moby Dick" ist einzige Buch, das ich kenne, in dem eine Predigt zu lesen mir Spaß gemacht hat - halt, in Tristram Shandy gibt es auch eine, aber ich erinnere sie nicht mehr so recht.

Patrick Shea, den ich nicht kenne, hat ein Gedicht geschrieben für jedes Kapitel von Moby Dick. Zum Beispiel dies, für das Kapitel, aus dem obiges Zitat stammt: feed://callmeishmael.org/tag/identity/feed/ (März 2011)

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Praxistest Literatur

Stellen Sie sich vor, Sie seien Schüler oder Schülerin und bekämen die Aufgabe, ein Stück Literatur mit eigenen Worten nachzuerzählen. Eigene Worte bedeuten: eigener Ausdruck. Der dem Literaturstück eigene Ausdruck macht dieses aber erst zu einem solchen. Was soll nun nacherzählt werden? Gibt es einen sogenannten Inhalt, der eine Erzählung ist? Faktenhuberei? Fertigt man mit einer Nacherzählung das Mißverständnis an, statt das Verständnis heraus zu heben? Gelänge eine Nacherzählung, hat es sich dann um einen armen Text gehandelt, einen mit recht eindeutiger Bedeutung, eine binomische Formel beispielsweise? Die Nacherzählung bestünde in diesem Fall aus Wörtern, die im Duden stehen und die Zeichen der Mathematik erläutern und somit ersetzen. Eine binomische Formel ist aber genauswenig Literatur wie eine Materialliste. (Es war für gewisse Untersuchungen nützlich, zu gewissen Zeiten an den Universitäten ohne Bewertung von Textsorten zu sprechen, aber der Begriff Literatur verliert natürlich seinen Reichtum, wenn er nur als Bezeichnung für ein Sammelsurium von Texten jeglicher Sorte benutzt wird). Erstes Ziel von Formeln und Listen ist die Eindeutigkeit der Berichterstattung. Jedes Vage, alle offenen Enden würden nur irritieren. Die Irritation aber verlangt nach der Literatur wie die Literatur nach der Irritation, um Erkenntnis und Schönheit zu erzeugen.

Von gelungener Literatur kann man in dem Moment sprechen, in dem die Übertragung in einen eigenen Text mißlingt: entweder wird deutlich, daß nun etwas Substantielles fehlt oder der eigene Text ist ein gelungener eigener, der aber nicht mehr in der Lage ist, den ursprünglichen "nachzuerzählen". Es läßt sich bei gelungener Literatur kein Inhalt aufzeigen, der ohne den ihm eigenen Ausdruck bestehen könnte. Grob gesagt: läßt sich ein Text verlustfrei nacherzählen (in "eigenen" Worten) war er keine Literatur.

Über gute oder schlechte Literatur wurde hier nicht gesprochen. (Juli 2013, korrigiert 2019)

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Jean Rhys, Nach der Trennung von Mr MacKenzie

Die Welten der Science Fiction, soweit wir sie wahrnehmen, sind uns zum größten Teil vertraut; Fantasy ist ein Synonym für Schweif & Schmück. Eine fremde Welt fand ich in diesem Buch: Jean Rhys, Nach der Trennung von Mr MacKenzie (Originalausgabe "After Leaving Mr MacKenzie" 1930, deutsche Ausgabe Ende der 60er erstveröffentlicht. Zitate nach dtv-Taschenbuch, München, 1994).

"Immer dachte sie an Orte, nie an Menschen. Sie lag da und dachte an die dunklen Schatten von Häusern in einer Straße, die im Licht der Sonne weiß wirkte; oder an Bäume mit schlanken schwarzen Zweigen und jungen grünen Blättern, die aussahen wie die Bäume auf einem Londoner Platz im Frühling; oder an ein dunkles, purpurrotes Meer - wie das Meer auf einem Öldruck oder in irgendeinem tropischen Land, das sie nie gesehen hatte." (S. 10)

"Wenn alle braven ehrbaren Leute ein einziges Gesicht hätten, ich würde es anspucken. Ich wollte, sie hätten alle ein einziges Gesicht, damit ich es anspucken könnte." (S. 123)

Die Schriftstellerin Christine Pountney sagte in The Guardian, Saturday 14 May 2005: "I now stand in awe of Rhys's fierce talent. She had an ability to see what others could not, or refused to see, and the guts to write about it … I will read it again and I will learn something new."

Auf http://www.tumblr.com/tagged/jean%20rhys fand ich diese Äußerungen von Jean Rhys:
"Others? I do not know them. I see them as trees walking."
"I would never be part of anything. I would never really belong anywhere, and I knew it, and all my life would be the same, trying to belong, and failing. Always something would go wrong. I am a stranger and I always will be, and after all I didn’t really care."
"I like shape very much. A novel has to have shape, and life doesn't have any." (Juli 2013)

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Max Frisch e Fernando Pessoa

Max Frisch und Fernando Pessoa sprechen beide von sich, aber wie unterschiedlich! Frisch macht sich wichtig, Pessoa betreibt sein Verschwinden. Frisch verletzt Menschen im Namen der Literatur, Pessoa verletzt grammatische Regeln um verständlicher zu werden. Frisch spricht zu seinem Spiegelbild, Pessoa schreibt über den Mann im Spiegel. (Juli 2013)

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Michael Scharang, Komödie des Alterns

Zum dritten Mal lese ich Michael Scharang, Komödie des Alterns und bin wieder so erfreut über die zu Gedanken geformten Sätze oder die zu Sätzen geformten Gedanken dieses Buches, dieses Autors. Kann ich ein Buch empfehlen? Ich wüsste nicht, wem. Dies Buch hat sich mir empfohlen. Es offeriert einen Reichtum, dessen Genuss aktivierend wirkt. Ich genieße während ich lerne, was genießen ist. Der Weite des Horizonts, hinter dem noch einmal ein Universum löst, wird ihre Beliebigkeit genommen durch die Konzentration auf das vor uns Liegende, mit Sprache sich Entwickelnde. Satz für Satz kommen wir (der Autor als Schöpfer, der Leser als Entdecker) näher, bestens das Naheliegende vermeidend, bis wir wieder im neu gebildeten Zusammenhang des Ganzen landen.

Versuchte ich hier, Geschichte und die Personen des Romans mit eigenen Worten zu schildern, führte das irre. Ich versuche, die Wirkung eines Kunstwerks auf mich zu schildern; könnte ich ein Kunstwerk zusammenfassen, wäre es keins. Von Handlung und Personen zu berichten, hieße außerdem, potentielle Leser nicht für voll zu nehmen, indem sie in ihrer unerklärten Vorliebe für Sujets, Genres etc. bestärkt würden.

Eine Buchhändlerin, die einiges über das Buch gelesen hatte, aber nicht dieses selbst, fragte nach meinen Eindrücken. Irritiert, wollte ich nicht sinnlos "gut" sagen, stattdessen: ich mag Bücher, die man überall aufschlagen und lesen kann, vergleichbar "Moby Dick". Sie: das mag ich gerade nicht. Sie befürchtete, es würde keine Geschichte erzählt, oder es möge zwar eine Geschichte geben, die aber nicht erzählt werde ...

Ich hasse die Spannung billiger (?) Krimis, die einen nach dem nächsten Fakt hecheln lassen.

Dieses Buch, Michael Scharang, Komödie des Alterns, erleuchtet – möchte ich sagen, muss aber hinzufügen: mich. Ein Autor schreibt ins Allgemeine, trifft aber auf konkrete Personen. Mich hat er getroffen. (Juli 2013)

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Alte Krimis

Raymond Chandler (1888 - 1959) teilt Vorurteile seiner Zeit und Gesellschaftsschicht. Er schrieb gute, weil reflektierende Romane, die im Genre "Kriminalroman" wie in einem Prokustesbett liegen, herausragend an allen Ecken und Enden. Ross Macdonald (1915 - 1983) konserviert Vorurteile vergangener Zeiten. Selbst wenn er besser schriebe als Chandler - wie einige amerikanische Kritiker behaupten - schreibt er doch keine besseren Romane. So wie "Supersax" mit ihrem "Tribute To Bird", obwohl eine geradezu artistische Leistung, keine bessere Musik als Charlie Parker selbst machten. Es geht immer wieder darum: wird Kunst aus der Welt, also der eigenen Geschichte einschließlich der eigenen Geschichte der Werkzeugerfindung und -beherrschung geschöpft, oder wird neue Kunst aus alter geschaffen, diese entwickelnd, fortsetzend, neu verkleidend? Beides lässt sich nicht eindeutig trennen, es mag sogar die zweite "Methode" dem Künstler selbst subjektiv als die erste erscheinen - mir als Leser und Hörer ist das egal. Werke der zweiten Methode langweilen mich meistens. Deshalb bleibt Chandler im Regal und MacDonald landet in der Flohmarktkiste, ohne je ganz durchgelesen worden zu sein. (August 2013)

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Viktor Šklovskis Sentimentale Reise

Zu dem Buch, welches ein gewisses Verständnis der heutigen Situation in Afghanistan, Iran, Irak, Kurdenland erzeugt, und, etwas respektlos gesagt, zu meinen ewigen Top Ten gehört, vielleicht später mehr. Hier nur zwei Zitate über Kunst und Ironie:

"Unter dem Begriff "Ironie" verstehe ich hier nicht "Spott", sondern den Prozeß der gleichzeitigen Wahrnehmung zweier einander widersprechender Phänomene oder die Einordnung ein und desselben Phänomens in zwei verschiedene semantische Kategorien." (Viktor Šklovskis Sentimentale Reise, Insel Verlag 1964, S. 330)

"Im Grunde genommen ist die Kunst ironisch und destruktiv. Sie belebt die Welt. Ihre Aufgabe ist, Ungleichheiten zu schaffen" (dass., S. 321)

Viel heutige Literatur zielt auf Wirkung, traut sich aber nicht, Wirkung erzeugen zu wollen. Deshalb hat das, was heute als Ironie daherkommt, kaum etwas mit der obigen, geradezu alleinseligmachenden Definition zu tun, und kann getrost in die Tonne getreten werden.

Viktor Šklovski (1893 - 1984) war zu russischen Revolutionszeiten Armeekommissar an der Südwestfront und in Persien, stand den Sozialrevolutionären nahe und wurde später Literaturwissenschaftler. Er entwickelte das Konzept der Verfremdung, welches wir oft mit Brecht verbinden. (August 2013)

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Saudade

Ein berühmter Vierzeiler von Fernando Pessoa:

Saudades, só portugueses
Conseguem senti-las bem
Porque têm essa palavra
Para dizer que as têm.

Ich versuche eine Übersetzung irgendwo zwischen den kursierenden, die die Form bewahren wollen und einer wörtlichen:

Saudades; nur Portugiesen
können sie so recht empfinden
denn sie haben dieses Wort
um zu sagen was sie haben

Pessoa sagt also, nur wer den Begriff davon hat, kann auch das Gefühl haben. - Auf vielen Bildern erkennen wir Dinge, die nicht als solche in das Bild gebracht wurden, denn wir setzen die Formen, die wir sehen, zu einer Gestalt um, die wir, wenigstens prinzipiell, schon kennen. Indem sie uns davor bewahrt in der Formlosigkeit unterzugehen, kann unsere Erfahrung uns daran hindern, Neues zu erfahren.

Saudade "können" nur die Portugiesen. Parallel dazu "können" nur die Deutschen Wehmut. Wir haben den Begriff für ein vages Gefühl und können es deshalb empfinden.

Sehnsucht hat ein Ziel, sei es noch nicht bestimmt. Wehmut ist ein Zustand jenseits aller Ziele. Sehnsucht läßt sich befragen, Wehmut kennt keine Antworten. Sehnsüchtig ist der Schlager, wehmütig die Musik.

Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" ist das Buch in meinem Bücherbord mit den zweitmeisten Zettelchen darin. (Die meisten stecken in Adornos "Minima Moralia"). Ein Buch aus Notizen, spannender als jeder gradlinige Roman. Der obige Vierzeiler ist nicht darin. (August 2013)

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Heilpraxis

Die Literatur ist das wahre und, wenn man will, allgegenwärtige Heilmittel. Verletzungen des Körpers, Verformungen, Heimsuchungen durch Krankheit, Unfall, Vorsatz sind die Regel. Die Heilung wirkt nur in fortgesetzter Bewegung, die den Körper trainiert, mindert, was ihn schwächt & mehrt, was ihn stärkt. Die Bewegung ist dem Körper, was die Literatur dem Geist ist, der auch nichts weiter als eine körperliche Äußerung ist. Die Literatur selbst muss als Bewegung in den vielen Bedeutungen dieses Wortes aufgefasst werden. Ein ausschließender Krimi-Leser wird kaum genug Bewegung wahrnehmen, geheilt zu werden. Nichts kann die Literatur ersetzen. Nicht Filme, nicht Spiele, nicht Computerspiele, nicht einmal die normalen Gespräche; nur in der Literatur kann ich so hemmungslos im Gespräch sein wie mit keinem konkreten Menschen. Die Scham ist konstituierender Bestandteil unserer selbst. Im Gespräch mit wirklichen Menschen kann sie uns hindern, die richtigen Erkenntnisse zu finden oder auszusprechen. In der Literatur finden wir den Mut, die Scham, wenn es nötig wird, zu überwinden und als ruhigeres Individuum weiter zu gehen. (2007)

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Tom Sharpe:

der Rabelais des zwanzigsten Jahrhunderts. (2015)

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Dorothy Parker (1893 - 1967)

darf nicht vergessen werden (Juni 2015)

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wideraktuell

Nachdem die ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre des letzten Jahrhunderts Saki in gewissen Kreisen, denen anzugehören die Ungehörigkeit ich besessen hatte, eher zur Lektüre des Vergangenen wenn nicht Überwundenen zählten, ist er nun aktuell, wenn auch nicht en vogue. Ihn lesend, drängt sich - in Anlehnung an den "Tiefen Staat", von dem in der Politik seit einiger Zeit die Rede ist - die Formulierung "Tiefe Klasse" auf.
(Juni 2015)

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