Praxistest Literatur

Stellen Sie sich vor, Sie seien Schüler oder Schülerin und bekämen die Aufgabe, ein Stück Literatur mit eigenen Worten nachzuerzählen. Eigene Worte bedeuten: eigener Ausdruck. Der dem Literaturstück eigene Ausdruck macht dieses aber erst zu einem solchen. Was soll nun nacherzählt werden? Gibt es einen sogenannten Inhalt, der eine Erzählung ist? Faktenhuberei? Fertigt man mit einer Nacherzählung das Mißverständnis an, statt das Verständnis heraus zu heben? Gelänge eine Nacherzählung, hat es sich dann um einen armen Text gehandelt, einen mit recht eindeutiger Bedeutung, eine binomische Formel beispielsweise? Die Nacherzählung bestünde in diesem Fall aus Wörtern, die im Duden stehen und die Zeichen der Mathematik erläutern und somit ersetzen. Eine binomische Formel ist aber genauswenig Literatur wie eine Materialliste. (Es war für gewisse Untersuchungen nützlich, zu gewissen Zeiten an den Universitäten ohne Bewertung von Textsorten zu sprechen, aber der Begriff Literatur verliert natürlich seinen Reichtum, wenn er nur als Bezeichnung für ein Sammelsurium von Texten jeglicher Sorte benutzt wird). Erstes Ziel von Formeln und Listen ist die Eindeutigkeit der Berichterstattung. Jedes Vage, alle offenen Enden würden nur irritieren. Die Irritation aber verlangt nach der Literatur wie die Literatur nach der Irritation, um Erkenntnis und Schönheit zu erzeugen.

Von gelungener Literatur kann man in dem Moment sprechen, in dem die Übertragung in einen eigenen Text mißlingt: entweder wird deutlich, daß nun etwas Substantielles fehlt oder der eigene Text ist ein gelungener eigener, der aber nicht mehr in der Lage ist, den ursprünglichen "nachzuerzählen". Es läßt sich bei gelungener Literatur kein Inhalt aufzeigen, der ohne den ihm eigenen Ausdruck bestehen könnte. Grob gesagt: läßt sich ein Text verlustfrei nacherzählen (in "eigenen" Worten) war er keine Literatur.

Über gute oder schlechte Literatur wurde hier nicht gesprochen.

(Juli 2013, korrigiert 2019)