Michael Scharang, Komödie des Alterns

Zum dritten Mal lese ich Michael Scharang, Komödie des Alterns und bin wieder so erfreut über die zu Gedanken geformten Sätze oder die zu Sätzen geformten Gedanken dieses Buches, dieses Autors. Kann ich ein Buch empfehlen? Ich wüsste nicht, wem. Dies Buch hat sich mir empfohlen. Es offeriert einen Reichtum, dessen Genuss aktivierend wirkt. Ich genieße während ich lerne, was genießen ist. Der Weite des Horizonts, hinter dem noch einmal ein Universum löst, wird ihre Beliebigkeit genommen durch die Konzentration auf das vor uns Liegende, mit Sprache sich Entwickelnde. Satz für Satz kommen wir (der Autor als Schöpfer, der Leser als Entdecker) näher, bestens das Naheliegende vermeidend, bis wir wieder im neu gebildeten Zusammenhang des Ganzen landen.

Versuchte ich hier, Geschichte und die Personen des Romans mit eigenen Worten zu schildern, führte das irre. Ich versuche, die Wirkung eines Kunstwerks auf mich zu schildern; könnte ich ein Kunstwerk zusammenfassen, wäre es keins. Von Handlung und Personen zu berichten, hieße außerdem, potentielle Leser nicht für voll zu nehmen, indem sie in ihrer unerklärten Vorliebe für Sujets, Genres etc. bestärkt würden.

Eine Buchhändlerin, die einiges über das Buch gelesen hatte, aber nicht dieses selbst, fragte nach meinen Eindrücken. Irritiert, wollte ich nicht sinnlos "gut" sagen, stattdessen: ich mag Bücher, die man überall aufschlagen und lesen kann, vergleichbar "Moby Dick". Sie: das mag ich gerade nicht. Sie befürchtete, es würde keine Geschichte erzählt, oder es möge zwar eine Geschichte geben, die aber nicht erzählt werde ...

Ich hasse die Spannung billiger (?) Krimis, die einen nach dem nächsten Fakt hecheln lassen.

Dieses Buch, Michael Scharang, Komödie des Alterns, erleuchtet – möchte ich sagen, muss aber hinzufügen: mich. Ein Autor schreibt ins Allgemeine, trifft aber auf konkrete Personen. Mich hat er getroffen.

(Juli 2013)