Alte Krimis

Raymond Chandler (1888 - 1959) teilt Vorurteile seiner Zeit und Gesellschaftsschicht. Er schrieb gute, weil reflektierende Romane, die im Genre "Kriminalroman" wie in einem Prokrustesbett liegen, herausragend an allen Ecken und Enden. Ross Macdonald (1915 - 1983) konserviert Vorurteile vergangener Zeiten. Selbst wenn er besser schriebe als Chandler - wie einige amerikanische Kritiker behaupten - schreibt er doch keine besseren Romane. So wie "Supersax" mit ihrem "Tribute To Bird", obwohl eine geradezu artistische Leistung, keine bessere Musik als Charlie Parker selbst machten. Es geht immer wieder darum: wird Kunst aus der Welt, also der eigenen Geschichte einschließlich der eigenen Geschichte der Werkzeugerfindung und -beherrschung geschöpft, oder wird neue Kunst aus alter geschaffen, diese entwickelnd, fortsetzend, neu verkleidend? Beides lässt sich nicht eindeutig trennen, es mag sogar die zweite "Methode" dem Künstler selbst subjektiv als die erste erscheinen - mir als Leser und Hörer ist das egal. Werke der zweiten Methode langweilen mich meistens. Deshalb bleibt Chandler im Regal und MacDonald landet in der Flohmarktkiste, ohne je ganz durchgelesen worden zu sein.

(August 2013)