Heilpraxis

Die Literatur ist das wahre und, wenn man will, allgegenwärtige Heilmittel. Verletzungen des Körpers, Verformungen, Heimsuchungen durch Krankheit, Unfall, Vorsatz sind die Regel. Die Heilung wirkt nur in fortgesetzter Bewegung, die den Körper trainiert, mindert, was ihn schwächt & mehrt, was ihn stärkt. Die Bewegung ist dem Körper, was die Literatur dem Geist ist, der auch nichts weiter als eine körperliche Äußerung ist. Die Literatur selbst muss als Bewegung in den vielen Bedeutungen dieses Wortes aufgefasst werden. Ein ausschließender Krimi-Leser wird kaum genug Bewegung wahrnehmen, geheilt zu werden. Nichts kann die Literatur ersetzen. Nicht Filme, nicht Spiele, nicht Computerspiele, nicht einmal die normalen Gespräche; nur in der Literatur kann ich so hemmungslos im Gespräch sein wie mit keinem konkreten Menschen. Die Scham ist konstituierender Bestandteil unserer selbst. Im Gespräch mit wirklichen Menschen kann sie uns hindern, die richtigen Erkenntnisse zu finden oder auszusprechen. In der Literatur finden wir den Mut, die Scham, wenn es nötig wird, zu überwinden und als ruhigeres Individuum weiter zu gehen. (2007)