Zum Diktat
Ist der Schriftsteller glücklich, der von seinen Sätzen sagen kann, sie gehorchten ihm aufs Wort? (April 2010)
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Versprochen und aufgehalten
Bundespräsident sagt: Afghanistan = Handelskrieg. Wie immer, also auch wenn einer der ihren aus Trotteligkeit, Versehen oder Kalkül die Wahrheit sagt, kann sich die herrschende Klasse auf ihre Journaille verlassen: Wahrheit darf nicht wahr bleiben, Herzen sollen brennen für Gerechtigkeit und der Verstand soll ausgeschaltet bleiben. (Mai 2010, vor seinem Rücktritt)
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Richtig und falsch
In der Ästhetik ist es eher falsch, das Richtige zu tun. (Juni 2010)
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Der erstbeste Torwart
Wenn Oliver Kahn sich "immer mit dem Zweitbesten zufrieden gegeben hätte", wäre er jetzt bei der "zweitbesten Fondsgesellschaft", sagt er. Hat er nun die erstbeste genommen? (Juni 2010)
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Altersweisheit: keine Lust mehr auf die Mühe des Denkens. (Juni 2010)
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1/2 Wahrheit
Nicht böse Menschen machen den Kapitalismus; der Kapitalismus macht die Menschen böse, so oder so. (September 2010)
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Versager
Ein Versager ist einer, der sich hiesigen und heutigen Ansprüchen versagt. (November 2010)
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Die Gedanken sind frei
Wer etwas angedacht hat, hat ein Andenken produziert. (November 2010)
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Bis der Arzt kommt
Manchmal genügt es, in die Praxis eines Arztes zu gehen und im Wartezimmer zu warten. Die Ruhe, zwangsweise, die Langeweile, die geistige Leere, angenehm wie eine leidlich klimatisierte, leicht strukturierte Wüste. Wenn der Arzt kommt, kann man ja wieder gehen. (November 2007)
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Mehr Führung!
1.) Wer freiwillig Führer werden will, hat sowieso einen Schuss.
2.) Wer unfreiwillig Führer wird, bleibt es nicht lange, oder wird zu einem Typ, der gerne Führer ist.
3.) Wer nun, wie die Mainstream-Journaille, mehr (anstatt wenigstens: bessere) Führung fordert, ist auf dem richtigen Dampfer, mit dem er sich im bewährten Gleis abseits der deutschen Sprache bewegt.

Merke: erst wenn das Palaver wieder gesellschaftsfähig geworden ist, besteht eine Chance auf das langsame Eingehen der Führer und des gleichnamigen Prinzips. (Januar 2011)
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Das Leben wird enger
Am Anfang Horizonte wie auf dem Ozean. Am Ende eine austrocknende Pfütze, Aussicht auf Technik mit ihrem speziellen Schmutz und ihrer ständigen Korrektur durch neue Technik, auf unförmige Menschen in formloser Mode, auf unsagbare Dummheit. (November 2010)
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Himmlischer HSV
Der Sky-Reporter sagte, "Hoffmann musste sich eine Träne aus dem Auge drücken", während er doch meinte, Hoffmann hätte sich eine Träne aus dem Auge wischen müssen. Die eine Aussage ist das Gegenteil der anderen. Aber so ist alles authentisch: Der Reporter ist dumm, der HSV-Boss ein Heuchler. (2010)
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Einzigartig
Hitlers & der Deutschen Verbrechen: nicht zwei Völker gingen aufeinander los. Keine Streit war um Land. Keine Rachegefühle wuchsen aus begangenen Taten. Es war eine Wahnidee der Hygiene: sie wussten noch nicht mal, wen sie ermorden mussten, bis sie ihre zukünftigen Opfer mit gelben Sternen gekennzeichnet hatten. (Januar 2011)
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Alternativlos
Ist der Haiku eine dialektische Alternative zum Monotheismus? (Januar 2011)
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Diminutiv
Viele, die sich für sensibel halten, sind bloß schnell beleidigt. Vielleicht gibt es deshalb nur das Sensibelchen und nicht den oder die Sensibel. (Januar 2011)
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Zauber der Musik
Einen Song anders verstehen zu können als er gemeint war, ist die Voraussetzung für seine Aufnahme beim Hörer, oder, sich etwas anzuverwandeln ist keine Zauberei. (März 2011)
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Planet der Affen?
Wer Karriere plant, macht sich zum Affen: statt vorwärts zu gehen, hangelt er sich hoch. (August 2010)
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Das Vollkommene Ganze
Man muss sich damit abfinden, dass es Das Vollkommene Ganze nicht gibt. Bei dem Versuch, es herzustellen, wird man zum Diktator, also zu einem Element der Unvollkommenheit. Man könnte sich konzentrieren und versuchen Ein Vollkommenes Einzelnes zu erreichen. Ein Vollkommenes Einzelnes ist aber nicht etwa für immer und für jeden so. Also ist es nicht vollkommen. Also gibt es nichts Vollkommenes, außer als Pendant zum Schwarzen Loch: denn das Vollkommene Einzelne hat in dem Moment, in dem man es so nennen könnte, sich isoliert - es ist uns nicht mehr zugänglich. Dennoch ist nicht die Kategorie "vollkommen" unsinnig, sondern die Kategorie "Ganzes"; oder vielleicht ist sie nicht unsinnig sondern banal - wie die Kategorie "Sein". (März 2011)
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Fertig
Es ist mir ein Rätsel, wie man jemals das Gefühl haben kann, man hätte seine Arbeit getan. Ich bin nie fertig. Ich werde nie fertig. (Dezember 2010)
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Braten
Auch deshalb bleiben wir dumm: wir dürfen nur so lange am Braten riechen, bis wir ihn gerochen hätten. (November 2011)
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Täglich
Das Hamburger Abendblatt überschreibt heute mit einem Zitat H.-O. Henkels den Artikel, in dem er für seine Idee einer "Nordeuro"-Partei wirbt: "Merkel muss unser Land und unser Geld retten". Ich danke für die Formulierung. So kurz und bündig habe ich noch niemanden sagen hören, warum die Regierung mir am Arsch vorbei geht: ich habe weder Geld noch Land.

Weil es so bezeichenend ist, noch eine, nämlich Überschrift, auf der Wissenschaftsseite des heutigen Hamburger Abendblattes: "Künstliche neuronale Netze erkennen Beulen am Auto", und zwar berührungsfrei. Das ist Fortschritt im Kapitalismus, einer Gesellschaft, in der das Testosteron namens Geld die Geilheit namens Besitz ins unendlich Absurde steigert.

Täglich. Aber keine Angst, es wird keine Gewohnheit; mein Hausarzt fragte mich neulich aus heiterem Himmel, ob ich mich verfolgt fühle. (November 2011)
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Warenformat
Wenn Form Kunst ist, ist Format Konsum. (November 2011)
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Allergie
Ich reagiere idiosynkratisch auf Deftigkeit. (November 2011)
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Sprache und Gewalt
Wenn der Mob schweigt, ist er eben diese Mehrheit. (Juni 2012)
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Da guckst du
Auf Leute herabzusehen, die unter einem stehen, ist armselig. Erst die gleiche Augenhöhe macht macht daraus Kunst und - Waffe. (Juni 2012)
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Bild dir was
Kunst wird geschaffen, Kultur entsteht. Deshalb sind Künstler wirklich und Kulturschaffende eingebildet. (Juni 2012)
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Getrieben
Man muss im Treiben sich behaupten. Gegen den Strom ist Romantik, also Untergang. Was soll man treiben? Ein Trieb diktiert: stranden oder stockig werden. Umtriebigkeit ist eine Fehlentwicklung.

Führer wollen treiben, selbst getrieben. Sie erkennen das Große nicht und haben deshalb eine ihnen unbestimmte Furcht. Sie wollen das bunte Treiben anhalten und ordnen. Sie ordnen hier und also unordnen da. Die Unordnung ist nicht das Wesen des Treibens. Die Ordnung ist nicht das Wesen des Treibens. Die Aufhebung beider ist das Wesen des Treibens. (Juni 2008)
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Baden gegangen
Familie Schnapprath geht baden: Eine große Badetasche wird eingepackt und ins Meer getaucht. (Juni 2012)
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Wir arbeiten daran
"Professionell" gilt heute als Lob. Dabei heißt es bloß "des Geldes wegen". (Juni 2012)
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Ja nee, is klar
Manchmal muss man sein redendes Gegenüber bitten, sich nicht weiter zu erklären. Erst wenn Raum für Missverständisse gegeben wird, kann man verstehen. - Verständnis haben und Verstehen, welch ein Unterschied! (Juli 2013)
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Vorkehrung
Vorsicht auf der A52, zwischen Huckersdorf und Nebenbuhler befindet sich eine Schlangenlinie auf der Gegenfahrbahn. (Juli 2013)
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Verfügung
Ich verfüge nur über Erfahrungen. Schon stimmt dieser Satz nicht mehr. Erfahrung ist die substanzhaltige Schimäre, die mir Bilder, Musik und Sätze schafft. (Juli 2013)
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Zum Patent angemeldet:
ein Dummenhund. (Juli 2013)
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Wir können auch anders
Wir tun was wir können. Das ist unser Programm. Wie und ob es endet, wisen wir nicht. Sinn ist ein Gewürz nach Bedarf. (Juli 2013)
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Drei Dinge braucht kein Mensch
Im Wagnerjahr möchte ich meine persönliche Sicht nicht verhehlen. Wagner ist Pink Floyd für Leute, die nicht kiffen. (Juli 2013)
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Psychokiller
Psychologie ist die tastende Logik der Oberfläche, während noch weitgehend unerkannt aber schon erahnt, die gesellschaftlich gelotste biologische Maschine arbeitet. (Juli 2013)
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Zur Sache
Eine gute Dokumentation muss unsachlich sein. Sonst wäre sie nur eine Aktennotiz. (Hat nichts mit ZDF-Knopp zu tun; Propaganda und Dokumentation sind sowieso unterschiedliche Genres). (Juli 2013)
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Apropos Propaganda
Gegen die Stalinorgel Tagesschau/heute ist der Schwarze Kanal eine Zwille gewesen. (Juli 2013)
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Schicksal light
Die angenehme Vorstellung von Schicksal: nicht als eines, das gegeben wird, sondern als eines, das sich ergibt, wenn man sich ihm nicht ergibt. (Juli 2013)
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Zu einem populären deutschen Thema
Antisemit kann nur sein, wer es bestreitet: wer nur der "Normalität zum Durchbruch verhelfen" will, wer "Tabus brechen" will. Der Antisemit, der seinen Antisemitismus nicht bestreitet, ist eigentlich keiner mehr: er ist aktiver Rassist, absichtlicher Feind der Juden. Der Antisemit hält sich für den wahren Freund der Juden, weil er den Menschenfreund gibt. Ich traf schon Menschenfreunde, die keinen Menschen zum Freund hatten. (Juli 2013)
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Gut gefahren
Geld ist das größte Gefahrengut. Es kann sich alles leisten, weil man sich damit alles leisten kann. (Juli 2013)
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Ein übles Element
Je schwerer es ist, auch nur ein Element einer Menge zu verstehen, desto leichter fällt es uns, diese ganze Menge zu verurteilen. (Juli 2013)
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Zuvorkommend
Ein Mann, der einer Frau Blumen schenkt, behandelt beide als Ornament. Dabei sind alle drei Lebewesen. (Juli 2013)
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Herr Keuner wiederbelebt
Als sein Nachbar ihm mitteilte, er habe kein Problem damit, ein Deutscher zu sein, antwortete Herr K: "Deshalb habe ich ein Problem damit." (Juli 2013)
Zivilangehöriger
"To do what we want them to do, our men have to be trained to do more than we want them to. That’s the danger" (General Alistar Tamplino during The North South Mexicaine Borderline War which he happened not to survive) (1989)
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Der Bundesinhaltsminister singt auf der Pressekonferenz
Wir nehmen keine abgestuften Einstufungen mehr vor
Alle scheren wir über einen Kamm
Wir sind so allgemein wie nichts zuvor
Der Haushalt zwingt uns wir sind klamm

Zum letzten Trend ökumenischer Bewegung
Aufgrund interner Statisten Erhebung
unterstützen wir des Volkes neu’stes Projekt
"Der Imam auf die Kanzel der Pastor in den Schneidersitz"
Das wird laufen wie geleckt
Wenn’s ernst wird war es bloß ein Witz
(Die Klugschnecke schafft es nicht mehr, sich geistig so ganz gerade zu halten).
(August 2013)

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Unklar
Das Berauschendste ist ein klares Bewußtsein. (Juni 2015)
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Grundgesetze der Erkenntnis
1.) Wer nur sein Fach kann, kann auch das nicht richtig.
2.) Routine löst kein Problem, sondern erledigt Aufgaben, was im Rahmen einer Problemlösung oft notwendig ist.
3.) Erfahrungen lassen sich nur machen, nicht aber weitergeben.
(Juni 2015)
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Vollkommen perfekt
Etwas sei perfekt heißt, aus ihm wurden alle menschlichen Spuren getilgt - und doch ist es Menschenwerk. Es ist aber die persönliche Unvollkommenheit, die eine vollkommene Person ausmacht. (Juni 2015)
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Menschenrecht
Das erste Recht, das jedem Menschen nicht nur vom Gesetz sondern auch von jedem anderen Menschen eingeräumt werden sollte, ist das Recht auf Unerklärtheit. Niemand sollte sich erklären müssen. Niemand sollte einen inneren Drang zur Rechtfertigung spüren. Jedem, der geht, ohne sich zu verabschieden, muss dies nachgesehen werden. Es ist sein Recht; eine elementare Lebensäußerung, weder gegen andere gerichtet noch muss sie anderen erklärbar sein. (Juni 2015)
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Von Fußballern lernen:
Man muss dahin denken, wo es weh tut. (Juni 2015)
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Wirtschaftsführer
Arschlöcher und Helden gleichzeitig - geht es überhaupt anders? Eigentlich müssten sie Lizenzgebühren an die Menschheit zahlen. Ohne Kapital und Technik, entstanden aus kollektivem Leid und kollektiver Intelligenz, wären sie so schlau als wie zuvor. (Juni 2015)
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konkrete poesie
Dieses ist Eine Weisung des Gebrauchens von Ihrer Prduktion gemacht. Und hätte Sie auch Geduld wird alles fertig gehen am Ende. Vorher gehen Sie durch die Papier und merken auf, wenn die Entscheidung fällt. Haben Sie sehr viel bedankt trotzdem. Das Team war gegeben dem Himmel aber selbst. (gefunden 2013)
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Unegaler Tausch
Eine häufige Verwechslung: Freiheit mit Willkür. (Juni 2015)
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Paradox:
jemandem ans Bein zu pinkeln, dem man das Wasser nicht reichen kann. (Juni 2015)
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Mein Motto: niemals beichten. (Juni 2015)
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Antiromantiker
Das meiste, was aus meinem tiefsten Inneren kommt, ist Scheiße. (Juni 2015)
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Sense and Sensibility
Das Kapital will, dass die Geschäfte stimmen. Religionen und ähnliche ideologische Gemeinschaften wollen, dass die Gefühle stimmen. Deshalb stimmen beide mal überein, mal nicht. (Juni 2015)
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Ja, aber
Ein Aberglaube ist, genau wie der Name sagt, ein Glaube wider besseres Wissen. Glaube allein könnte möglicherweise ganz vielleicht noch als Vorschuss auf besseres Wissen gebucht werden. (Juni 2015)
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Heiliger Schein
Die Mittel, die den Zweck nicht heiligen, sind die falschen! Das hat nichts mit Moral zu tun. (Juni 2015)
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Religion,
so, wie sie letzendlich ankommt: für Frauen ein (Selbst-)Disziplinierungsmittel, für Männer ein Herrschaftsinstrument. (2012)
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Versprochen
Nach meiner Erfahrung sagt man immer was man meint, erst recht, wenn man es hinterher nicht so gemeint haben will. (Juni 2015)
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Big Spender
Die sich großzügig geben, indem sie den Armen spenden, sind auf die Großzügigkeit der Bespendeten angewiesen. Nur weil diese ruhig bleiben, gibt es jene noch. (Juni 2015)
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mmmh
Ich koche gern. Was brauche ich da noch Rezepte? (Juni 2015)
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Zivilisatorischer Dialog
"Go home!" - "I haven’t got a home." - "So go there!" (2019)
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Geschnitten
Ausgerechnet ihm, dem großen Sprachschnitzer, unterlief ein solcher. (2012)
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Farbenlehre
Wenn die Rotverschiebung einer Wirklichkeit Literaur wäre, wäre die Blauverschiebung Kunst. (2019)
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Fall der Heimat
Dem Hamburger sein schwerster Fall: der Wen-Fall (2014)
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Vorbehaltlos
Nur wer sich verlieren kann, kann alles gewinnen (2019)
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Au
Kindererziehung läuft wie unsere Flüsse: kanalisiert und keine Auen mehr (2017)
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Vor Schule
Ein Kindergarten in Berlin heißt "Einstürzende Bauklötze". Es einstürzt aber ein Gebäude, während die Bauklötze stürzen. (2017)
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Walk The Line
Das Leben macht einem sowieso einen Strich durch den Kopf (2018)
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Zwischendurch wieder eine Verkehrsmeldung
Autobahndreieck Hauelücke, ein gleichschenkliges Dreieck, dessen rechter Schenkel von Hauelücke aus gesehen wetterbedingt bis auf Weiteres auf Eis liegt. (2019)