Traum der Feigheit

Ich liege im Bett und beobachte, wie ein Altenheim vom Sturm völlig zerstört wird. Langgestreckte Holzhäuser und kitschige Märchen-Ziegelhäuser. Mein Bett ist so groß wie ein Acker und steht draußen neben dem Altenheim. Ich fürchte mich vor dem Geruch der Alten und will nicht helfen. Deshalb krieche ich unter der Bettdecke entlang einer Seite des Bettes an die vom Altersheim entfernteste Stelle. Ein Baum stößt wie ein Rammbock auf die Stirnseite eines der Langhäuser. Polynesische Pein. (August 2005)

Sankt Georg

Ich schob den offenen Stationswagen über den Steindamm zum Krankenhaus St. Georg. Die Junkies waren begeistert. Einer wollte unbedingt die riesige Glaskolbenspritze mit einer 5er-Nadel. Ich sagte, Mann, die ist nicht im geringsten steril, er sagte, aber die kann man auskochen, Alter. Ein später Zimmermann spielt die Behinderten-Mundharmonika. (2003)

Traum eines Rechtsanwalts

Im Keller des Gartenhäuschens arbeiten Männer in Lederkappen bei Feuerbeleuchtung in der Erde.
Das Kongresszentrum ist voll von Rechtsanwälten und Psychotherapeuten nordamerikanischen Zuschnitts. Sie dösen herum oder trinken etwas und unterhalten sich. Gedämpfte Atmosphäre. Sie warten darauf, dass das behinderte Kind anfängt, weiterzumachen; es erzählt einen Traum.
Ich wandere durch die Säle und suche ihr Gesicht. Gestern war Betriebsausflug einer Klasse von Umschülern. Der Ausflug machte eine Stippvisite bei mir, sie waren schon etwas angetrunken. Zwischendurch rief B. an, ob ich N. zum Essen bringen könnte am Sonntagmorgen.
Die Party zog in mein Gartenhäuschen, wo oben die Gartengeräte waren und der Kongress stattfand. Zwei Umschülerinnen küssten mich zum Abschied, eine davon sehr ernsthaft und sagte, ach, Michael, dieser Kuss, und war verzweifelt. Beide hatten Verlobte zuhause. Ich hatte wieder ein Herz gebrochen und wusste nicht, wie das sein konnte, da ich einen Glatzkopf hatte und absolut unattraktiv war und vielleicht für jemanden sorgen konnte, aber niemals so leidenschaftlich lieben konnte, wie die, die mich liebten.
Dann war das behinderte Kind bereit, weiterzuerzählen. Es wuchs auf dreifache Menschengröße und die Vorstellung ging los. Man war dann plötzlich in einem anderen Geschehen. Im Gartenhaus fand ich zwei Portemonnaies und zwei Schlüsseltaschen mit Schlüsseln. Es war aber nicht das Gartenhaus, sondern der Keller meines Kupferschmied-Opas. Das waren Sachen der beiden Frauen. Ich wollte die Dinge in Sicherheit bringen, bevor die Frauen irgendeinen Ärger kriegten, und schlich mit den Sachen durch einen zweiten Ausgang, während im ersten Eingang irgendwelche Menschen vom Kongress zugange waren. Auf dem Heimweg begrüßten mich die Männer, die im Keller im Feuer arbeiteten. Ich fragte sie, wann sie fertig wären, und sie wurden verlegen und sagten, Sie wissen schon. Ich wusste, sie arbeiteten an Demselben, an dem auch der Kongress arbeitete. Und da der Kongress auch noch nicht fertig war, sagte ich, ja, ich wisse schon.
Darauf saß ich am Schreibtisch und sah die Dinge der beiden Frauen an, als mein Uhrarmband-Telefon piepte.
Es war B., die sagte, sag mal, du wolltest doch N. zum Essen bringen? Ich sagte, ja, aber erst Sonntagmorgen. Sie sagte, es ist jetzt Montag, mit starker Betonung auf Montag. Ich dachte, wieso eigentlich, N. ist doch über achtzehn, und ich war nicht mehr interessiert.
Stattdessen ging ich ins Gartenhaus zurück, es war Nacht geworden. In einer großen Kiste rumorte es. Ein Mann saß darin, über und über verdreckt und reparierte ein Fahrrad. Ich riss die Kiste auf und schrie ihn an. Er redete besänftigend und sagte, das müsse doch sein, sein Trieb ließe ihm keine Wahl. Die Männer, die im Feuer arbeiteten, nahmen seine Seite ein und redeten begütigend auf mich ein. Ich war immer noch wütend und schrie, warum nicht wenigstens das Rennrad hier!, und zeigte darauf. Das andere ist doch viel schöner, sagte er. (1997)

Der Lorbeertraum

Im Zwischenflur ist sehr viel Verkehr. Eine Menschengruppe versucht, eine Liedzeile wiederzufinden. Zwei Physiker sprechen über ein Problem, der eine von ihnen ruft plötzlich "Lorbeer". Das Wort wird von den anderen aufgenommen, die damit eine Art Singsang beginnen: "Lorbeer" - "Lorbeer" - "Lorbeer". Der Wirt merkt, dass die Stimmung steigt, will diese Tendenz unterstützen - das ist gut fürs Geschäft - und lässt verdünnten Rum in kleinen Gläsern an der Bar ausgeben. Die Leute drängen sich im Zwischenflur und beginnen nun auch, den kleinen Saal zu bevölkern. Im Zwischenflur wird kräftig gesungen: Lorbeer - Lorbeer - Lorbeer muss es sein; für alle - für alle - im menschlichen Verein". So entstand das Lorbeerfest. (2003)

Schöner Traum

Beim ZDF kann man alle Ansager und Ansagerinnen ersetzen/verschieben durch Mausklick im Internet. (2003)

Albtraum

Frauen lassen mich versteinern, nein bremsen meine Bewegungen, bis sie, die Frauen, schneller sind. Psychologisieren? Manchmal gelingt es mir, Vasen zu werfen. Eine verrückte Frau ist Chefin der Sekte. (2003)

Notwendiger Zufall

Er ist freudianisch vorgebildet. Ich aber weiß, dass Träume nichts anderes sind als der Weg einer Flipperkugel durch die metaphorischen Gegenden des Gehirns. (2002)

Schallplattenrabe

Berlin-Hamburg

Die Schallplatte dreht sich. Ein pinguinförmiger Rabe sitzt am Rand der Platte und tastet sie mit seinem Schnabel ab. Nachdem die Platte zur Hälfte abgespielt ist, hebt er schwerfällig seinen Kopf, klettert traurig vom Plattenspieler und sagt, ich bin jetzt erschöpft. Er geht aus dem Zimmer. Vielleicht geht er ins Nebenzimmer und stirbt. (2007)

Sehr viele Elemente in der Architektur, eine Erinnerung ans Gotische, aber nicht bedrohlich sondern beruhigend. Ein ungeheure Stadt, Straßen so breit wie in Bukarest, Straßenbahnen, U-Bahnen, Busse, viel kollektiver Verkehr und Fußgänger. Ich fuhr raus aus der Stadt in eine abgewrackte Idylle, See, Sträucher, Gras, Erde. Dort saßen F. und W. Ich sagte, hallo, ich bin jetzt hier und ging wieder weg. F. war etwas missmutig. Ich musste durch weite Teile der großen Stadt, um in F.s Wohnung zu gelangen. Unterwegs verschwand meine Kleidung bis auf Schuhe und Strümpfe. Das fiel aber niemandem auf, bis ich auf einen Bahnhof mit alt-hamburger Gepräge, wie Othmarschen, stieß. Dort hielten sich die Männer, die zu meinem Kurs (?), Lehrgang (?) gehörten, die Augen zu und riefen "nie wieder", "wann haut der endlich ab" usw. Ich unterhielt mich mit einer Dame (wir waren plötzlich am Bahnhof Hagenbek) und fragte sie, ob sie sich erinnern könne, wie es hier vor zwanzig Jahren ausgesehen habe, ein Vorort Hamburgs quasi, und heute alles bebaut. Sie sagte, ja, wirklich und ihr Söhnchen sagte Sri Lanka ist eine sowjetische Kolonie. (2007)

An der Edmund-Siemers-Allee

Wir sind an der Uni, auf dem Flur eines Hauptgebäudes, das so groß ist wie Hitlers Germania-Halle. Ein großer Mann kommt, er hält etwas in den Händen und sieht vage so aus, als käme er aus einem Western. Er begrüßt uns laut, macht derbe Witze, ...Jungs, ich hab schon gedacht, in dem ganzen verfluchten Gebäude ist kein Arsch zu finden, schön, dass ihr da seid. Ja, ihr wisst es nicht, aber ich bin der Maismann. Und der Maismann geht jetzt raus und brutzelt über seinem Feuerchen ein paar Maiskolben und dann kommt er wieder und bietet sie euch an. Umsonst, ihr Süßen!...Ich war verzweifelt. Wir sahen aus dem Fenster, dass er dabei war, seine Drohung wahrzumachen. Mein Plan war, im Treppenhaus zu warten und wenn er die eine Flügeltreppe hochkam, auf der anderen herunterzuschleichen. (Er war einfach zu aufdringlich und wahrscheinlich von der CMA bezahlt). Ich blieb auf dem Flur, bis er fast oben war, was zur Folge hatte, dass er mich sah und verfolgte, als ich zur anderen Treppe ging. Ich bog ein, war aber plötzlich in einem Metallgebirge, durch welches ein steiler Pfad rechts nach unten führte. Ich war sehr froh, denn der Pfad schien mir für ihn, mit seinen Maiskolben auf einem Tablett in der Hand, viel zu steil. Natürlich war das nicht der Fall, er kam hinterher. Ich rief, wir werden nie Freunde sein, rutschte ab und hielt mich (mit einer Hand, als wöge ich nichts) an seiner Schulter fest. Er grinste. Ich sagte zu ihm, lass uns Freunde sein. (2007)

Mathe und Medizin

Im Geomatikum. Mit Fahrstuhl hoch, um oben doch noch Mathe-Examen zu machen. Zwischenstockwerke mit Bauschutt. Oben war eine Festvorlesung mit Büffet. Ich wieder runter. Lande in Krankenhaus-Abteilung. Eine Ärztin fragt mich, ob ich sie zu einem ihrer Schützlinge fahren kann. Sie zeigt mir eine große Nische mit eingebauter Sitzbank, auf der Wolldecke und Zudecke liegen. Sie hebt die Decken, darunter sind in Instant-Tüten Rauschmittel. Das Mädchen hat Elektro-Pulver genommen. Damit kann es eine Stunde am Stück arbeiten. Wir sind draußen vor einem Med-Vehikel. Ich steige ein, sie geht vor. Dann steigt auch sie ein. (2008)

Vorwurf

Ein traummäßig fantastisch aufgebrezeltes Berlin. F., den ich eigentlich treffen wollte, hatte noch etwas zu erledigen. Ich war daran gewöhnt und erfreute mich am Spaziergang durch die Straßen, in denen sich Straßenbahnen und viele Menschen bewegten und an deren Rändern Große, sehr verschnörkelte Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert standen. Nach einem langen Weg auf einer geraden Straße änderte sich das Bild: ein großer, schon teilweise entkernter Betonbau auf der rechten Straßenseite. Durch eine Lücke im Bauzaun ging ich hinein. Ich fand eine im ersten Stock sich über die volle Länge des Gebäudes hinstreckende Kantine, die trotz Scheibenfront zur Straße neonbeleuchtet war. Ich liebte es! Resopalbeschichtete Tische auf hell-hölzernen Beinen und das angenehme Geräusch von über hundert sich in kleinen Gruppen beim Essen unterhaltenden Menschen. Erfüllt von dem warmen Gefühl, zuhause zu sein, ging ich längs durch die Kantine. Ich musste an F. denken, dem die proletarische Pose vergangen war und der heute in kleinen dunklen Imbissen oder in Restaurants mit Kerzenschein und Wein aß. Vielleicht wegen seiner Freundin. Am Ende der Kantine ein Treppenhaus, ich ging ins Erdgeschoss, welches diesen Namen verdiente (redlich?), denn der Boden bestand aus gestampfter Erde zwischen unverputzten Betonwänden und türlosen Türöffnungen. In einem kleinen Raum, der aber die Anmutung einer Halle hatte, saßen Menschen auf Stühlen vor einer Leinwand, auf die ein Film projiziert wurde. Sie sahen andächtig aus; die Stühle waren aus Stahlrohr mit Sperrholzauflage. Ich ging hinaus auf die Straße, beibehaltend meine Richtung. Eine Kreuzung schien zu kommen. Rechts offensichtlich ein Eckhaus, links eine Art Park. Geradeaus: nichts. Nichts! Einige Schritte vor, und das Straßenpflaster wurde von felsigem Untergrund abgelöst. Noch einige Schritte und ich sah: der Felsen, fiel erst mäßig, dann immer stärker ab, war stark strukturiert, sodass es viele Nischen und kleine Flächen gab, in und auf denen Menschen saßen, Zeitung lesend, Brot essend oder einfach aufs Meer sehend. Ich war begeistert, konnte F. aber einen Vorwurf nicht ersparen: Warum hast du mir nie gesagt, dass Berlin am Meer liegt? (2010)

Lang-wei-lig

Am Würstchenstand bei einem Fest vor einem Stadion. Ich erzählte Herrn Hoffmann vom HSV, nachdem er mir gesagt hatte, er kenne den HSV nicht. Ich dagegen kenne Hoffmann nicht und merke erst am Ende, dass er es ist und sage, das werde ich mal in den Matz-ab-Blog schreiben, worauf er den Kopf in die Hände nimmt und sagt, das ist nicht Ihr Ernst. Er sprach zu mir im PR-Ton und wollte seine Ruhe haben. Ich ging zur Bahn; in eine mir fremde Haltestelle, U-Bahn, riesige Halle, alles war verschnörkelt; ich wieder raus, alles übrigens nur in Unterhose, welche eine Tasche am Hintern hatte, aus der ein Tempotaschentuch wie eine Schwanzfeder ragte. Ich konnte mich erst im letzten Moment für eine Straße entscheiden, die nach Haus führte und joggte los. Ich wurde von zwei Joggern überholt, die über mich lachten, und da fiel mir auf, dass ich auf allen Vieren lief. Ich war aber stolz auf diese Nebenbei-Erfindung, weil ich so weniger Kraft verbrauchte. Dann ein kleiner Saal mit Parkett-Fußboden. Ein indischer Afrikaner hielt eine Rede; sie war langweilig und in einem leierigen 3/4-Takt gehalten. F. war es zu langweilig. Er löste sich aus dem Halbkreis der Zuhörer und bewegte sich, im 3/4-Takt schaukelnd, auf den Redner zu, bis er direkt vor ihm stand und glitt dann zu Boden, wo er, nachdem das Wort "lang-wei-lig" aus ihm heraus gefallen war, bewegungslos liegen blieb. Der Redner war während F.’s Antanzens immer leiser geworden, guckte wie ein Kaninchen mit Schlangen-Furcht und verstummte nun auch. F.’s Freundin sagte, das kann man ihm einfach nicht abgewöhnen.
(2010)

Traum von Ungarn

Ein freundlicher, doch gequält wirkender Mann sprach mich an auf dem Weg zum Dammtor. Ich müsse eine Rede auf Ungarn halten, der ungarische Ministerpräsident warte schon. Ich ging mit ihm. Während des Gehens versuchten wir beide, meine metallene Aktentasche zu putzen und wieder in Form zu biegen. Geformt wie eine klassische Aktentasche der dreißiger Jahre, war es etwas schwierig, die Lasche zu schließen; Metall eben. Ich wußte nichts über Ungarn und nahm mir vor, meine Bilder, Metaphern, Sprüche, Vorurteile etc. zum Ausgang meiner Rede zu nehmen. Dass ich sie halten musste, war klar. Kurz vorm Dammtor wurde die Gegend unklar, durch eine Diagonalverbindung zwischen zwei Hauptstraßen waren wir am Hallerplatz angelangt, was einen Rückschritt bedeutete. Das Problem wurde übersprungen und ich stand am Rednerpult.
"Liebe Gäste, lieber Herr Ministerpräsident, ich weiß nichts Wirkliches über Ungarn, deshalb werde ich wie folgt berichten. Stellen Sie sich einen Billardtisch vor. Ich schieße eine Kugel über die Bande auf eine zweite Kugel. Was die zweite Kugel über die Bande erfährt, ist das, was ich über Ungarn erfuhr. Es ist eine Mischung aus Ungarn, der Bande, aus dem Blick mir unbekannter Menschen, seien sie einzeln oder in Klassen oder Nationen oder Gesellschaften zusammengefasst, und dem Eindruck, den diese, nachdem sie von Ungarn reflektiert wurden, auf mich, die letzte Kugel, gemacht haben.
Als ich Kind war, war meine Familie damit beschäftigt, sich im kleinen Bürgertum einzurichten nachdem sie das proletarische Dasein hinter sich gelassen hatte. In Ungarn, wusste ich, gab es eine Frau in einer Art Dirndlkleid, welche zu irgendjemandem sagte, du kannst mir ruhig Piri sagen; natürlich mit einem Puszta-Paprika-R. Ich wusste, dass es einen Baron gab, der Schweine züchtete in Ungarn - oder war das noch Österreich-Ungarn? Ungarn war manchmal Österreich und Österreich manchmal Ungarn und es sollte eine Monarchie sein. Das war mir unvorstellbar. Wieso sollten Bauern einen König haben? Ein König war etwas Edles, vorzuziehenderweise Blondes, aber kein Bauer, dessen Schweine sich im Schlamm wälzten und der seine Schweine in Paprika wälzt damit sie zu Gulasch werden. Und ständig wurde nebenbei Geige gespielt, aufdringlich, schmutzig, plump. - Ich bin nur die zweite Billardkugel. Ich spreche nicht über Ungarn, sondern über in mir evozierte splitterige Bilder von Ungarn und so spreche ich also über Deutschland. Etzel der Hunnenkönig war ein Ungar, lange bevor es Ungarn gab. Deshalb konnte er auch König sein, allerdings nur ein fieser. Faszinierend fand ich den Begriff finnisch-ugrisch. Wo waren das n und das a in ugrisch geblieben? Warum fehlten dann nicht ein i und ein n in finnisch und machen es finsch oder fnisch? Fnisch-ugrisch, das hat doch was. Die Finnen leben im Schnee und haben Rentiere, die Ungarn im Schlamm und haben Schweine (falls sie nicht Österreicher sind und Gras mähen und Heu in ihre Scheunen stopfen. Dass es auch eine Stadt in Österreich gab, wurde mir so recht klar erst durch den dritten Mann). Irgendein Kinderbuch wollte mir weismachen, dass es in der Puszta eine Art Cowboys gibt. Fiel ab gegen den großen deutschen Cowboy Old Shatterhand. Viel später gab es den Gulaschkommunismus, dem ich als protestantischer Kommunist misstraute. Später las ich die Geschichte eines Bleistifts von Tersaszky und Der Komplize von Györgi Konrád. Nun muss ich sagen, dass ich ein ziemlich dämlicher Junge war. Ich kann mich auch nicht damit entschuldigen, dass ich ein deutscher Junge war, denn das wäre eher eine Anschuldigung. Ich war nie in Ungarn, werde nie freiwillig hingehen, weil ich die Sprache nicht kann, aber ich mag Attila Zoller und Gabor Szabo. Ihre Namen klingen ungarisch. Ob sie jemals Ungarn waren, weiß ich nicht. Und wenn ich das wüsste, bliebe die Tatsache, dass ich nicht weiss, was ein Ungar ist. Ich danke für Ihre Geduld."
Die Leute klatschten ein bisschen und tranken Rotwein. Der Ministerpräsident hatte meine metallene Aktentasche und ich grübelte, ob überhaupt jemand Deutsch verstünde. Dann fiel mir noch auf, dass alle Leute Pferdeleder-Schuhe mit dekorativen Löchern im Oberleder hatten. (2010)

Atemnottypisch

In einem sonst leeren Zimmer ein teppichbelegter Fußboden und ein Doppelbett als Hochbett. Oben liegt Frau N. Ich liege auf dem Fußboden auf der Seite, auf meiner Schulter eine Taube, welche Bob-Dylan-Verse spricht. Die Taube wird immer größer und schwerer, bis sie mir die Luft nimmt. Ich versuche zu rufen "ich ersticke, hilf mir", aber es kommen nur zerquetschte Laute heraus. Traum endet, weil Frau N. mich rüttelt und fragt, was ich hätte. (2010)

Bande

Ich lief eine Triumphrunde durch das Stadion, die Faust mit der neuen Uhr hoch erhoben, dann weiter, der Bande entgegen, die sich als Bande meiner Jugend entpuppte. Dann traf ich die kleine Frau im Tweedkostüm in der Kirche, wo sie mir konspirativ ein Buch aus der Öffentlichen Bücherhalle übergab, welches das Codebuch der --- Botschaft war. (2003)