Traum eines Rechtsanwalts

Im Keller des Gartenhäuschens arbeiten Männer in Lederkappen bei Feuerbeleuchtung in der Erde.
Das Kongresszentrum ist voll von Rechtsanwälten und Psychotherapeuten nordamerikanischen Zuschnitts. Sie dösen herum oder trinken etwas und unterhalten sich. Gedämpfte Atmosphäre. Sie warten darauf, dass das behinderte Kind anfängt, weiterzumachen; es erzählt einen Traum.
Ich wandere durch die Säle und suche ihr Gesicht. Gestern war Betriebsausflug einer Klasse von Umschülern. Der Ausflug machte eine Stippvisite bei mir, sie waren schon etwas angetrunken. Zwischendurch rief B. an, ob ich N. zum Essen bringen könnte am Sonntagmorgen.
Die Party zog in mein Gartenhäuschen, wo oben die Gartengeräte waren und der Kongress stattfand. Zwei Umschülerinnen küssten mich zum Abschied, eine davon sehr ernsthaft und sagte, ach, Michael, dieser Kuss, und war verzweifelt. Beide hatten Verlobte zuhause. Ich hatte wieder ein Herz gebrochen und wusste nicht, wie das sein konnte, da ich einen Glatzkopf hatte und absolut unattraktiv war und vielleicht für jemanden sorgen konnte, aber niemals so leidenschaftlich lieben konnte, wie die, die mich liebten.
Dann war das behinderte Kind bereit, weiterzuerzählen. Es wuchs auf dreifache Menschengröße und die Vorstellung ging los. Man war dann plötzlich in einem anderen Geschehen. Im Gartenhaus fand ich zwei Portemonnaies und zwei Schlüsseltaschen mit Schlüsseln. Es war aber nicht das Gartenhaus, sondern der Keller meines Kupferschmied-Opas. Das waren Sachen der beiden Frauen. Ich wollte die Dinge in Sicherheit bringen, bevor die Frauen irgendeinen Ärger kriegten, und schlich mit den Sachen durch einen zweiten Ausgang, während im ersten Eingang irgendwelche Menschen vom Kongress zugange waren. Auf dem Heimweg begrüßten mich die Männer, die im Keller im Feuer arbeiteten. Ich fragte sie, wann sie fertig wären, und sie wurden verlegen und sagten, Sie wissen schon. Ich wusste, sie arbeiteten an Demselben, an dem auch der Kongress arbeitete. Und da der Kongress auch noch nicht fertig war, sagte ich, ja, ich wisse schon.
Darauf saß ich am Schreibtisch und sah die Dinge der beiden Frauen an, als mein Uhrarmband-Telefon piepte.
Es war B., die sagte, sag mal, du wolltest doch N. zum Essen bringen? Ich sagte, ja, aber erst Sonntagmorgen. Sie sagte, es ist jetzt Montag, mit starker Betonung auf Montag. Ich dachte, wieso eigentlich, N. ist doch über achtzehn, und ich war nicht mehr interessiert.
Stattdessen ging ich ins Gartenhaus zurück, es war Nacht geworden. In einer großen Kiste rumorte es. Ein Mann saß darin, über und über verdreckt und reparierte ein Fahrrad. Ich riss die Kiste auf und schrie ihn an. Er redete besänftigend und sagte, das müsse doch sein, sein Trieb ließe ihm keine Wahl. Die Männer, die im Feuer arbeiteten, nahmen seine Seite ein und redeten begütigend auf mich ein. Ich war immer noch wütend und schrie, warum nicht wenigstens das Rennrad hier!, und zeigte darauf. Das andere ist doch viel schöner, sagte er. (1997)